{"id":2183,"date":"2016-08-13T15:50:26","date_gmt":"2016-08-13T19:50:26","guid":{"rendered":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2183"},"modified":"2017-01-01T13:34:30","modified_gmt":"2017-01-01T18:34:30","slug":"volksgesang-und-volksgeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2183","title":{"rendered":"&#8220;Volksgesang und Volksgeist&#8221;"},"content":{"rendered":"<div id=\"aei-root\" lang=\"en-GB\"><!-- suid=150 --><\/p>\n<dl id=\"aei-dl-meta\">\n<dt>Performer Name:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Performance Venue:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Performance Date:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">&nbsp;<\/dd>\n<dt>Author:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Date Written:<\/dt>\n<dd>1810<\/dd>\n<dt>Language:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">German<\/dd>\n<dt>Publication Title:<\/dt>\n<dd>Morgenblatt f\u00fcr gebildete St\u00e4nde<\/dd>\n<dt>Article Title:<\/dt>\n<dd>Volksgesang und Volksgeist<\/dd>\n<dt>Page Numbers:<\/dt>\n<dd>233-35<\/dd>\n<dt>Additional Info:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">9 March 1810 issue (No. 59)<\/dd>\n<dt>Publisher:<\/dt>\n<dd>J. G. Cotta&#8217;sche Buchhandlung<\/dd>\n<dt>Place of Publication:<\/dt>\n<dd>Stuttgart<\/dd>\n<dt>Date Published:<\/dt>\n<dd>1810<\/dd>\n<\/dl>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Text:<\/strong><\/p>\n<blockquote id=\"aei-blockquote\" lang=\"de\">\n<p>[233] Wo man in ein gesangloses Land kommt, scheint die Freude erstorben. Das emsige Getriebe des Lebens zehrt das Leben auf. In seinen rauschenden M\u00fchlen verstummt das Bed\u00fcrfni\u00df eines empfindenden Herzens.<\/p>\n<p>In Preu\u00dfen sitzt der steife Soldat in der Wirthsstube, schmaucht und gurgelt sein halb rohes, halb moralisches Lied aus heiserer Kehle. Der Gevattersmann stimmt mit ein, und ein trockener Disput endigt die Scene, wenn sie nicht mit Betrunkenheit aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Am Main, am Neckar, am herrlichen Rheinstrome, sitzen des Abends die B\u00e4uerinnen vor der Th\u00fcr, oder sie gehen schaarweise. Ihr Lieder sind fr\u00f6hlich, gef\u00fchlvoll, oder voll treuherzigen Muthwillens. Wie man ins s\u00fcdlichere Deutschland kommt, ver\u00e4ndern sie ihren Karakter. Sie werden lustiger, witziger, sinnlicher, aber selten haben sie den Hauch lieblicher Sch\u00f6nheit, welcher dort oft un\u00fcbertrefflich zart \u00fcber sie verbreitet ist.<\/p>\n<p>Der \u00c4lpler in den Hochth\u00e4lern singt sein einsames sinniges Lied, und die Felsen schallen davon wieder. In den fruchtbaren Niederungen der Schweiz pfeift der Ackermann lustig hinter dem Pfluge, und der Knabe erwartet mit gellender Stimme den Vater, da\u00df er zum Essen komme, das er ihm hinaus in die Ernte gebracht hat.<\/p>\n<p>Wie man von den Bergen herab in die lombardischen Ebenen kommt, wird das Leben offener und geselliger, der Gesang h\u00e4ufiger, die Kehlen reiner und voller. In den hei\u00dfen N\u00e4chten, unter dem blinkenden Himmel, sind in den D\u00f6rfern und kleinen St\u00e4dtchen M\u00e4nner und Weiber um eine Mandoline versammelt; man h\u00f6rt dem anmuthigen Klimpern zu, manchmal begleitet sie eine Stimme, manchmal \u00fcbernimmt auch ein Improvisator die Unterhaltung und l\u00e4\u00dft seltsame Abenteuer in einem gleich seltsamen Vortrage bewundern. <\/p>\n<p>Das s\u00fcdliche Italien wird immer reicher an Lust und Ges\u00e4ngen. Die schwellende F\u00fclle der Natur ruft laut auf, sie freudig zu genie\u00dfen. In den St\u00e4dten ziehen des Abends Banden durch die Stra\u00dfen; der Guitarre, der Violine, den Duetten oder Terzetten folgt das neugierige Volk. Auf dem Lande oder bey den \u00c4rmern rasselt und schnurrt ohne Ausnahme das Tamburin, und das eint\u00f6nige Ritornell kreischt wechselnd dazwischen.<\/p>\n<p>Manche sehen \u00fcber die Bedeutung dieser verschiedenen Weisen schnell weg. Sie f\u00fchlen nicht, da\u00df das Innere sich das \u00c4u\u00dfere gestalte. Sie ahnen nicht, da\u00df der Einzelne wie das Volk etwas Unaussprechliches in sich tr\u00e4gt, dem er auf mannigfaltige Art Luft zu machen sucht, das er sp\u00e4t erzwungen gegen ein dumpfes Daseyn freylich hingibt, aber mit ihm auch das Erste, das Eigenste, was aus seinem Gem\u00fcthe quillt.<\/p>\n<p>Der Volksgesang ist nicht ein Spiel, mit dem m\u00fc\u00dfige Menschen t\u00e4ndeln; die Rede, der treueste Ausdruck des Gef\u00fchls, nicht eine wilk\u00fchrliche Angew\u00f6hnung. Wie der Mensch ist, so wirkt er; wie er wirkt, so f\u00fchlt er; und w\u00e4re es einerley, ob er tr\u00fcbsinnig und stumpf ein gebeugtes Leben hinschleppe oder heiter aufblicke, sich in der [234] sch\u00f6nen Welt gefalle, sie mit G\u00fcte, mit Wohlwollen, mit Liebe genie\u00dfe?<\/p>\n<p>Die das Volk nicht kennen, die nie den Trieb gehabt haben, es in seinem Wesen, seiner versteckten, aber meist uralten Denkweise zu belauschen, reden davon, da\u00df sie es bilden, indem sie ihm einige fl\u00e4chliche anscheinende Begriffe aufdr\u00fccken. Sie kennen, sie f\u00fchlen nur ihr engherziges Bed\u00fcrfni\u00df, und w\u00e4hnen, das sey der volle Ausdruck der Menschheit.<\/p>\n<p>Wenn man in mehrern Gegenden Deutschlands Gelegenheit gehabt hat, das Volk zu sehen, mu\u00df man erstaunen, welche gro\u00dfe Verschiedenheit der Menschen sich unter ihm findet, mehr als unter irgend einem der bekanntern europ\u00e4ischen. Es w\u00e4re nicht schwer, diese Wahrheit mit historischen Gr\u00fcnden zu begleiten. Was den Menschen seine F\u00e4higkeiten entwickeln, oder sie verlieren und \u00e4u\u00dfern Dingen nachstreben, und also folgen macht, ist nicht schwer zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Sonderbar ist aber, da\u00df das mit dem Willen, mit der Neigung der ausgezeichneten Geister, wenigstens der That nach, einen starken Kontrast macht. Wie viele k\u00f6nnen von diesen das Fremdartige einer edeln, aber ihnen entgegengesetzten Natur ertragen? Umgeben sie sich nicht lieber mit Knechten aller Art, als da\u00df sie eines freyen Menschen Sinn und Blick neben sich s\u00e4hen? M\u00f6chten sie nicht jedem gesunden Gottesbaume, freylich als wohlth\u00e4tige und gleichfalls zur Seelenbildung abzweckende Operation, das Herz gern ausrei\u00dfen, damit er nicht auf seine Art m\u00e4chtig in die L\u00fcfte sch\u00f6sse, sondern in ihren G\u00e4rtchen, an ihren Heckchen sich untergeordnet verzweigte, und fortan als wohlgezogenes Spaliergew\u00e4chs ein methodisch-verkr\u00fcppeltes Leben f\u00fchrte!<\/p>\n<p>Wie anders hat dar\u00fcber vormals Lessing gedacht, der gern jedes Ro\u00df spornen, keines vor seinen Wagen spannen wollte! Wie anders denkt jetzt in Wissenschaft, Kunst und Leben Goethe! Jene wollen in der Wirkung gesehen seyn, er tritt gern in der Wirkung ungesehen zur\u00fcck! Jene glauben etwas zu leisten, wenn sie von den Gesinnungen der Menge sich schneidend sondern, er n\u00e4hert sich ihr im Unbedeutenden, und indem er f\u00fchlt, da\u00df man sich zu dem herablassen m\u00fcsse, was man zu sich hinaufbewegen will, und da\u00df der Mensch gern das Gute ergreife, das man ihm mit Wohlwollen und Langmuth darbietet, stimmt er sie im Bedeutenden nach dem Bessern, nach dem Einfachen, Wahren.<\/p>\n<p><p>Gewi\u00df soll hier der Gedanke nicht ausgesprochen seyn, da\u00df Erziehung, Bildung dem Menschen \u00fcberhaupt entbehrlich w\u00e4re. Wen nicht vorschauende Liebe in der Jugend, dann eigene Vernunft erzieht, der gewinnt an dem Zufalle einen dr\u00fcckenden, beschwerlichen Meister. Aber wenn man gut erziehen will, mu\u00df man frey betrachten k\u00f6nnen. Man mu\u00df im Stande seyn, die besondern F\u00e4higkeiten, welche die Natur jedem auf eine andere Weise anvertraut, zu unterscheiden und in ihrem Zusammenhange zu fassen. Man mu\u00df \u00fcberzeugt seyn, da\u00df das H\u00f6chste, dessen kein mit Vernunft begabtes Wesen ohne sich irre und ungl\u00fccklich zu f\u00fchlen entrathen kann, auf tausend Weisen erfasst werde, und dann erst wahrhaft gef\u00fchlt, wenn es auf die rechte anpassende Art dargeboten und begriffen wird; denn der Schwung des Geistes macht den Fanatiker nicht; das macht ihn, da\u00df er in seinem Schwunge alle mit Gewalt und gegen freyen Sinn mitrei\u00dfen m\u00f6chte. <\/p>\n<p>In wie vieler Kinder Wesen schrauben sich nicht \u00c4ltern und Erzieher ein; wie viele M\u00e4nner rei\u00dfen nicht st\u00e4rkere, obwohl an sich schwache, Geister auf immer aus ihrer Bahn; Nationen zeigt uns die Geschichte auf, welche in solchem Ma\u00dfe sich selbst verloren hatten, da\u00df in Jahrhunderten kein Geist ihrer Eigenth\u00fcmlichkeit einen Ausdruck verleihen konnte.<\/p>\n<p>Diderot, unter der Reihe der Franzosen, die man Begeisterte von und f\u00fcr den Humor nennen k\u00f6nnte \u2013 der Gutm\u00fcthigste und Einsichtvollste, sagt, die Menschen seyen wie vergriffene Scheidem\u00fcnzen, an denen das Gepr\u00e4gte unsichtbar geworden. Diese Bemerkung ist theilweise wahr, und \u00fcbertrieben. \u00dcberhaupt war es ein sonderbarer Gang, den diese M\u00e4nner nahmen, welche die Revolution vorbereiteten, indem sie den schon herrschenden Gesinnungen durch die Kraft ihres gewandten Verstandes Umfang und Best\u00e4tigung gaben. Sie sahen auf den Theil der Nation, welcher, von der Natur entfremdet, seine Vorurtheile mit seiner Sehnsucht verband. Wo dieses letztere eingetreten, ist fortan alle H\u00fclfe vergebens. Dahin zu sehen, wo in stillem Kreise der Mensch sich traulich an den Menschen anschlie\u00dft, wo die Tugend nie ausstirbt, und das Herz nie ein Fremdling wird, war ihr Auge nicht einf\u00e4ltig genug, und ihr Geschmack zu verw\u00f6hnt. <\/p>\n<p>Im Schwalle der Hauptst\u00e4dte soll man da den Menschen suchen? Da, wo sie, um es aufs mildeste zu sagen, aus Nacht Tag machen, und aus der L\u00fcge Wahrheit? Diese, weit entfernt den Karakter des Volkes zu zeigen, zeigen, wodurch ein Volk untergehen kann.<\/p>\n<p>Anderswo liegt seine unverw\u00fcstliche Kraft und Jugend. Als die Barbaren Italien \u00fcberschwemmten, und ein welkes Geschlecht beynahe ausrotteten, hielten nicht die St\u00e4dtebewohner den Umsturz der alten Gebr\u00e4uche und Gewohnheiten der, wo sie noch vorhanden war, unstreitig bessern Sitte auf; sie vermischten sich mit den \u00dcberwindern, und lehrten diese ihre weichliche Feigheit meist so schnell, da\u00df neueinbrechende ungeschw\u00e4chte Horden auch sie bald wieder in den Boden traten. Jetzt noch sieht man dagegen unter dem Landvolke mit Freuden Z\u00fcge der von den V\u00e4tern seit Jahrtausenden eingepflanzten Gewohnheiten.<\/p>\n<p>Einige werden meinen, da\u00df dieses als ein Lob des Landlebens anzusehen sey, und behaupten, da\u00df dieses doch der Erweiterung des menschlichen Geistes, den K\u00fcnsten und Wissenschaften Eintrag thue. Wenn man sich unter dem [235] Landleben den Zwang vorstellt, welchen verzogene St\u00e4dtler erleiden, die nun pl\u00f6tzlich in l\u00e4ppischen, erk\u00fcnstelten Empfindungen sich \u00fcberaus nat\u00fcrlich zu geberden denken, so w\u00e4re freylich besser, dieser Unsinn h\u00e4tte nie existirt. \u00dcbrigens bleibt es eine gro\u00dfe Frage, welche Art zu leben dem Menschen am angemessensten sey, und ob zu wahrer Kunst und Wissenschaft zu gelangen, nicht zu dem, was etwa die Neugierde beyden ablernen kann, ein gesammeltes oder zerstreutes Leben am meisten passe. Freylich ist es au\u00dfer Hauptst\u00e4dten schwer, viele Maschinen zusammen zu schleppen, um damit die Natur zu ergr\u00fcnden, viele B\u00fccher zusammen zu bringen, um das Gesagte noch einmal zu sagen, und die Leiber vieler Geister auf einen Punkt zu concentriren, damit durch ihre Reihung ein edler Wetteifer entstehe. Daf\u00fcr wird, wer in der Ruhe seinen Geist ordnet, nie jener seichten Oberfl\u00e4chlichkeit erliegen, die vor lauter Sehen und H\u00f6ren nicht betrachtet noch vernimmt, und der Wissenschaft \u00fcber ihren aufeinander geth\u00fcrmten Mitteln vergi\u00dft.<\/p>\n<p><p>(Der Beschluss folgt.)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Notes:<\/strong><\/p>\n<div id=\"aei-blocktext\">\n<p>The conclusion of the article, in issue No. 60, is not relevant to improvisation.<\/p>\n<\/p><\/div>\n<dl id=\"aei-dl-meta-unimportant\">\n<dt>Collected by:<\/dt>\n<dd> EW<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An article outlining the different types of folk singing throughout Germany and extending south to Italy. The author reflects on the diversity of styles of singing, and on the influence of formal education and urbanization on the spirit of the people connected to it &mdash; whether these forces cultivate or suffocate the spirit&#8217;s expression. <\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27,134],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2183"}],"collection":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2183"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3122,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2183\/revisions\/3122"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}