{"id":2189,"date":"2016-08-13T20:43:10","date_gmt":"2016-08-14T00:43:10","guid":{"rendered":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2189"},"modified":"2017-01-01T13:30:48","modified_gmt":"2017-01-01T18:30:48","slug":"der-hollandische-improvisator-willem-de-clercq-fortsetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2189","title":{"rendered":"&#8220;Der holl\u00e4ndische Improvisator, Willem de Clercq&#8221;"},"content":{"rendered":"<div id=\"aei-root\" lang=\"en-GB\"><!-- suid=150 --><\/p>\n<dl id=\"aei-dl-meta\">\n<dt>Performer Name:<\/dt>\n<dd>de Clercq; Daniel Sch\u00f6nemann<\/dd>\n<dt>Performance Venue:<\/dt>\n<dd>Amsterdam<\/dd>\n<dt>Performance Date:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">&nbsp;<\/dd>\n<dt>Author:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Date Written:<\/dt>\n<dd>1824<\/dd>\n<dt>Language:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">German<\/dd>\n<dt>Publication Title:<\/dt>\n<dd>Morgenblatt f\u00fcr gebildete St\u00e4nde<\/dd>\n<dt>Article Title:<\/dt>\n<dd>Der holl\u00e4ndische Improvisator, Willem de Clercq<\/dd>\n<dt>Page Numbers:<\/dt>\n<dd>353-54; 359-60; 366-67; 370-72; 374-75; 378-79<\/dd>\n<dt>Additional Info:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">13, 14, 16, 17, 19 &#038; 20 April 1824 issues (Nos. 89, 90, 92, 93, 94 &#038; 95)<\/dd>\n<dt>Publisher:<\/dt>\n<dd>J. G. Cotta&#8217;sche Buchhandlung<\/dd>\n<dt>Place of Publication:<\/dt>\n<dd>Stuttgart<\/dd>\n<dt>Date Published:<\/dt>\n<dd>1824<\/dd>\n<\/dl>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Text:<\/strong><\/p>\n<blockquote id=\"aei-blockquote\" lang=\"de\">\n<p>[353] Der holl\u00e4ndische Improvisator, <i>Willem de Clercq<\/i>.<\/p>\n<p>(<i>De Letterae Feningen,<\/i> ein Journal, welches seit dem Jahre 1760 in Amsterdam herausgegeben wird, und noch immer seinen Vorrang vor allen andern holl\u00e4ndischen Zeitschriften behauptet, enthielt neulich eine kleine, aus der Abendzeitung herausgenommene, Notiz \u00fcber den deutschen Improvisator des vorigen Jahrhunderts, <i>Daniel Sch\u00f6nemann<\/i>. Bey dieser Gelegenheit theilte der Uebersetzer einige Bemerkungen \u00fcber einen jetzt lebenden holl\u00e4ndischen Improvisator mit, die hiemit vom Verfasser in deutscher Sprache, mit einigen Zus\u00e4tzen, gegeben werden.)<\/p>\n<p>Nachdem der holl\u00e4ndische Uebersetzer des deutschen Aufsatzes das Talent Sch\u00f6nemann\u2019s gew\u00fcrdigt hat, f\u00e4hrt er also fort:<\/p>\n<p>Wir ergreifen mit Freuden diese Gelegenheit, um auf den Mann aufmerksam zu machen, der die M\u00f6glichkeit des Improvisirens in unserer Sprache nicht nur beweiset, sondern der dieses Talent in einem so hohen Grade besizt, da\u00df er die billige Bewunderung Aller, die ihn h\u00f6ren, erregt. Wie gro\u00df auch die Fertigkeit gewesen seyn m\u00f6ge, womit \u00e4ltere und neuere Dichter unseres Vaterlandes ihre Verse niederschreiben oder extemporirten: wir glauben nicht, da\u00df es unter unserer Nation je einen Dichter gegeben habe, der im Stande war, \u00fcber einen aufgegebenen Gegenstand so leicht und frey in gerundeten, kr\u00e4ftigen und wohlklingenden Versen zu sprechen, wie Herr <i>Willem de Clercq<\/i> in Amsterdam, so da\u00df man ungewi\u00df ist, ob man mehr die Macht \u00fcber Sprache und Versbau, die F\u00fclle und Tiefe der Gedanken, oder den wahrhaft poetischen Geist, von dem Alles angehaucht ist, bewundern soll. Dieses Talents ist keineswegs die Frucht einer langwierigen und m\u00fchsamen Uebung, sondern man kann es in der eigentlichen Bedeutung des Worts eine Gabe des Himmels nennen, da es sich fast unmerkbar und allm\u00e4hlig in ihm entwickelt hat. Man k\u00f6nnte sagen, da\u00df er es schon in einem gewissen Grade besessen, ehe er es selbst wu\u00dfte, und da\u00df Uebung dieser Gabe von oben nur mehr Haltung, Ausdehnung und Rundung gegeben habe, so da\u00df ee jetzt mit einer K\u00fchnheit, die in Erstaunen sezt, \u00fcber jeden aufgegebenen Gegenstand das Gef\u00fchl seines Herzens augenblicklich in flie\u00dfenden Versen ergie\u00dft, und mit einer immer steigenden Begeisterung, die keinen Fall bef\u00fcrchtet, seine Zuh\u00f6rer entz\u00fcckt und emporhebt. <\/p>\n<p>Herr de Clercq m\u00f6ge es uns vergeben, da\u00df wir es wagen, in unserer Zeischrift namentlich von ihm zu reden, da er nie \u00f6ffentlich Proben von seinem Talent abgelegt, und also Niemand das Recht gegeben hat, es vor dem Publikum zu beurtheilen: wir sind der Meinung, da\u00df solche ausgezeichnete Gaben, worauf unsere ganze Nation stolz seyn darf, deren Genu\u00df sich nat\u00fcrlich auf wenige Kreise beschr\u00e4nkt, ungew\u00f6hnliche Mittel rechtfertigen, um die Nation in Kenntni\u00df davon zu setzen. Man hat es nicht f\u00fcr unbescheiden gehalten, da\u00df ein gesch\u00e4tzter vater- [354] l\u00e4ndischer Gelehrter in einer \u00f6ffentlich vorgelesenen Abhandlung das Talent des Herrn de Clercq gew\u00fcrdigt, und da\u00df ein anderer ber\u00fchmter Niederl\u00e4nder in einem ausw\u00e4rtigen Blatte (<i>Revue Encyclop\u00e9dique<\/i>) die ganze literarische Welt auf dessen ausgezeichnete Gaben aufmerksam gemacht hat. M\u00f6ge das Publikum auch diesen Beytrag, um unsern merkw\u00fcrdigen Mitb\u00fcrger bekannt zu machen, aus diesen Gesichtspunkt betrachtet, und m\u00f6ge er selbst, dessen Bescheidenheit so gro\u00df wie sein Talent ist, diese Zeilen als eine aufrichtige W\u00fcrdigung seiner seltenen Verdienste, und als dankbare Verehrung aufnehmen.<\/p>\n<p>Unsere Mitteilungen \u00fcber das Improvisiren des Herrn de Clercq bestehen in einigen Bemerkungen, die das Eigenth\u00fcmliche seines Talents einigerma\u00dfen hervorheben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der erste eigenth\u00fcmliche Characterzug scheint uns darin zu bestehen, da\u00df das Improvisiren des Herrn de Clercq <i>aus dem Bed\u00fcrfni\u00df seines Herzens<\/i> entspringt. <\/p>\n<p>Poesie ist das h\u00f6here Leben seines Geistes. Alles, was ihn anspricht, erregt in seiner Seele eine solche \u00fcberstr\u00f6mende F\u00fclle von Empfindungen, da\u00df er sie ausgie\u00dfen mu\u00df, und in dieser Ergie\u00dfung eine wirkliche Erleichterung findet. Keineswegs ist die\u00df die Wirkung einer unnat\u00fcrlichen Anstrengung und durch Kunst hervorgebrachten Spannung, sondern das Gef\u00fchl, das in seinem Innern lebt, sucht und findet in der Sprache der Poesie einen nat\u00fcrlichen Ausweg. Er bedarf dazu keiner Zuh\u00f6rer, die ihn anstaunen, und durch die Zeichen ihrer Bewunderung seinen Geist reizen und h\u00f6her heben; denn so oft er sich m\u00e4chtig ergriffen f\u00fchlt, treibt ihn ein inneres Bed\u00fcrfni\u00df, seinem Busen in dem stillen h\u00e4uslichen Kreise, oder gar in der Einsamkeit, Luft zu machen. Und gleich wie das unverdorbene, reine Gem\u00fcth seine heiligsten Gef\u00fchle am liebsten in seiner Muttersprache ausdr\u00fcckt, so bedient de Clercq sich dazu der Poesie, welche man die Muttersprache seines Herzens nennen kann. Daher denn auch die seltene und merkw\u00fcrdige Erscheinung, da\u00df das Improvisieren, bey der heftigen Bewegung seines Innern, ihn nicht ermattet, sondern seinen Busen vielmehr erleichtert. Bey den italienischen Improvisatoren findet meistens das Gegentheil statt. Welche hohe Bewunderung das Talent dieser K\u00fcnstler auch einfl\u00f6\u00dfe: sie bed\u00fcrfen oft \u00e4u\u00dferer Mittel, um ihre Phantasie zu reizen und ihre Empfindungen h\u00f6her zu stimmen, und sie gerathen dadurch auch in eine solche Begeisterung oder heilige Wuth, da\u00df Ermattung und Ersch\u00f6pfung durchg\u00e4ngig einer jeden Improvisation folgt. De Clercq erniedrigt sein Improvisiren auch nie zu einer blo\u00dfen Kunst, die blos zum Zweck hat, Aufsehen zu erregen und Andere zu erg\u00f6tzen, sondern es ist und bleibt die Ergie\u00dfung seines Herzens, das von den heiligsten Gef\u00fchlen schwellt. Im Vollgenusse des h\u00e4uslichen Lebens, womit ihn der Himmel so reich gesegnet hat, im Kreise seiner Freunde, die in dem H\u00f6chsten mit ihm \u00fcbereinstimmen, und nach Unterhaltungen, die das Herz f\u00fcr alles Gro\u00dfe und Gute erw\u00e4rmt und durchgl\u00fcht haben, sehnt er sich nach einer Gelegenheit zum Improvisiren, und in solchen Augenblicken erkennnt man in jeder Strophe einen Abdruck seines Innern, jede Zeile zeugt von der Tiefe und der F\u00fclle seines Geistes, von der Reinheit seines Herzens und dem Feuer seiner Gef\u00fchle, w\u00e4hrend ein Jeder von der Ueberzeugung ergriffen wird, da\u00df Kunst und Poesie ihm blos die Mittel darreichen, um seine Empfindungen so auszudr\u00fccken, wie das Bed\u00fcrfni\u00df seiner Gem\u00fchtsstimmung es fordert.<\/p>\n<p>(Die Fortsetzung folgt)<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>[359] Der holl\u00e4ndische Improvisator, <i>Willem de Clercq<\/i>.<\/p>\n<p>(Fortsetzung)<\/p>\n<p>Was das dichterische Talent des Herrn de Clercq zweytens characterisirt, ist <i>die vollkommene Einheit, die in jeder Improvisation herrscht<\/i>. <\/p>\n<p>Sein ganzes Wesen ist ein untheilbares Ganze, und er f\u00fchlt das Bed\u00fcrfnis an Einheit bey Allem, was er denkt, spricht und schafft, so tief, da\u00df er es auch in seinem Improvisiren darlegt. Jede Improvisation beruht bey ihm auf Einem gro\u00dfen Eindruck, und man darf daher erwarten, da\u00df er denselben in seiner Poesie aufnehmen und ihn in verschiedenen Formen wiedergeben werde. In dieser Erwartung findet man sich auch nicht get\u00e4uscht. Sobald er seinen Geist auf einen angewiesenen Gegenstand richtet, erschaut er ihn gleich in dem Lichte, worin er denselben darstellen will; sein Genie zeigt ihm augenblicklich an, von welcher Seite er sich am meisten zur Erreichung seines Zweckes eignet; er greift gew\u00f6hnlich auf einmal mit kr\u00e4ftiger Hand in den aufgegebenen Gedanken, und bedingt schon dadurch die ganze Behandlung; er wei\u00df den Faden, den er einmal ergriffen, so fest zu halten, da\u00df er ihm nicht entschl\u00fcpft, und am Ende steht der Gegenstand als ein abgerundetes Ganze vor dem entz\u00fcckten Blick seiner Zuh\u00f6rer. Man h\u00f6rt daher auch keine Verse, die durch ein lockeres Band aneinander gereiht, sich blos dadurch auszeichnen, da\u00df sie ohne Stockung daher flie\u00dfen, keine einzelne Bruchst\u00fccke, die mit M\u00fche zusammengef\u00fcgt sind, keine Gemeinpl\u00e4tze, die oft wiederkehren und an schicklichen Orten eingeschaltet werden, sondern alle Verse, die er ausspricht, und alle rhetorischen Figuren, mit denen er sie ausschm\u00fcckt, sind durch ein inneres nothwendiges Band vereinigt, und geh\u00f6ren, zusammen genommen, zu dem Thema, das er, durch das reine Gef\u00fchl seines Herzens geleitet, in das aufgegebene Wort gelegt. Bisweilen gelingt es ihm, verschiedene Gegenst\u00e4nde zu einem sch\u00f6nen nat\u00fcrlichen Ganzen zu verbinden, allein wir betrachten solche Kompositionen, wie bewundernsw\u00fcrdig sie an und f\u00fcr sich auch seyn m\u00f6gen, eher als eine Erniedrigung, wie als eine Erh\u00f6hung seines Talentes, das nicht in dem Verstande, sondern im Herzen seinen Hauptsitz hat, und dessen Wirkungen nicht bey den S\u00e4ngern des kunstliebenden S\u00fcdens, sondern bey den alten Dichtern des religi\u00f6sern Nordens zuerst wahrgenommen wurden. Wir bewundern die fast unglaubliche Kraft des menschlichen Geistes bey vielen italienischen Improvisatoren, wodurch ein <i>Ludovico Sevio<\/i> die Worte Erbs\u00fcnde, Kometen, Ebbe und Fluth zu einem sch\u00f6nen Ganzen zu verbinden wu\u00dfte, und wodurch der noch jezt lebende <i>Tommaso Sgricci<\/i> im Stande ist, ein ganzes Trauerspiel in verschiedenen Akten mit Ch\u00f6ren nach einem aufgegebenen Thema aus [360] dem Stegreif mit geh\u00f6riger R\u00fccksicht auf Personen, deren Stimme, Haltung und Geberden abzusingen, allein wir finden in solchen gewaltigen Anstrengungen nicht die Poesie, die dem vollen und reinen Herzen entquillend, das Herz f\u00fcr das, was gro\u00df und gut ist, erw\u00e4rmt. Wir geben zu, da\u00df de Clercq bis jetzt noch nicht im Stande ist, etwas so Au\u00dferordentliches zu leisten, und vielleicht ist er in den Augen dessen, der in diesen Wirkungen des menschlichen Geistes blos die Kunst bewundern will, weit unter jenen gepriesenen Italiener, allein wir hegen die Meinung, da\u00df sein poetischer Talent von ganz anderer Art und mit unwillk\u00fchrlich abgehalten f\u00fchlen mu\u00df, nach einem solchen Ruhm zu streben. <\/p>\n<p>Man mu\u00df dazu bey allem Lobe, das den italienischen Improvisatoren geb\u00fchrt, nicht vergessen, da\u00df die meisten Gegenst\u00e4nde, welche sie behandeln, sich auf griechische und r\u00f6mische Mythologie und Geschichte beschr\u00e4nken, so da\u00df sie sich immer auf demselben Gebiete befinden, wobey man in Betracht nehmen mu\u00df, da\u00df sie den Kopf durchg\u00e4ngig voller Gemeinpl\u00e4tze haben, welche sie bey vorkommenden Gelegenheiten anbringen. Dergleichen H\u00fclfsmittel, die von Armuth zeugen, verschm\u00e4ht unser vaterl\u00e4ndischer Dichter. Sein Geist ist reich und tief genug um immer neue Gedanken zu schaffen, neue Bilder aufzufinden und neue Schilderungen zu entwerfen, und das Bed\u00fcrfni\u00df der Feinheit ist in seiner Seele zu sehr eingepr\u00e4gt, um es durch das Verbinden ungleichartiger Ideen zu verl\u00e4ugnen.<\/p>\n<p>(Die Fortsetzung folgt)<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p> [366] Der holl\u00e4ndische Improvisator, <i>Willem de Clercq<\/i>. <\/p>\n<p>(Fortsetzung.)<\/p>\n<p><i>Reiche Gedankenf\u00fclle<\/i> ist das dritte Kennzeichen des Herrn de Clercq beym Improvisiren.<\/p>\n<p>Auch abgesehn von der Improvisationsgabe, erregt unser Mitb\u00fcrger schon Bewunderung durch die ungemeine Leichtigkeit und den seltenen Scharfsinn sowol, womit er jedem Gegenstand aufzufassen und zu ergr\u00fcnden wei\u00df, als durch die ganz vorz\u00fcglichen Kenntnisse, welche er sich erworben hat. Nicht nur ist er mit den alten Sprachen bekannt, sondern es gibt fast keine gebildete Sprache des n\u00f6rdlichen und s\u00fcdlichen Europas, die er sich nicht durch philosophisches Studium angeeignet hat, und mit deren Literatur er nicht mehr oder weniger vertraut ist, womit er eine vielseitige philosophische Geschichtskunde und eine umfassende Kenntni\u00df des geographischen, statistischen und moralischen Zustandes der Welt vereinigt. Seine einzelnen gedruckten Abhandlungen k\u00f6nnen zu Belegen dienen, w\u00e4hrend seine, von der k\u00f6niglich niederl\u00e4ndischen Institute gekr\u00f6nte, Preisschrift (Ueber den Einflu\u00df der [367] ausl\u00e4ndischer Literatur auf unsere unterl\u00e4ndische) bald noch mehr Beweise davon abgeben wird. Sobald man nur ein Gespr\u00e4ch mit ihm angekn\u00fcpft hat, kann man sich durch die Originalit\u00e4t und die Richtigkeit seiner Bemerkungen, und durch die Leichtigkeit und Schnelligkeit, womit er seine Ideen entwickelt, davon \u00fcberzeugen. Er ist daher auch im Stande, \u00fcber einen aufgegebenen Gegenstand in Prosa zu improvisiren, oder seine Gedanken dar\u00fcber auszudr\u00fccken, und noch vor Kurzem sezte er eine Gesellschaft von Gelehrten in einer vaterl\u00e4ndischen Universit\u00e4tsstadt in Erstaunen, da er mehr wie eine halbe Stunde lang in einem flie\u00dfenden Styl mit gr\u00fcndlicher Sachkenntni\u00df und ungemeinem Scharfsinn \u00fcber die Jesuiten sprach, welchen Stoff die Gesellschaft gerade an dem Abend behandelte. Die Neuheit, Wahrheit und Erhabenheit des Standpunktes, von welchem er bey dieser Betrachtung ausging, und die tiefen Einsichten, welche er dabey zeigte, erregten allgemeine Bewunderung. Alle diese Gaben, womit der Himmel ihn so reichlich ausgestattet, und die er selbst so flei\u00dfig ausgebildet und erscheinen, zu Einem herrlichen Ganzen vereinigt, in seinem Improvisiren. Es sind keine Gemeinpl\u00e4tze, in einen poetischen Wortschwall geh\u00fcllt, wodurch er seine Zuh\u00f6rer zu verblenden trachtet, sondern Wahrheiten, die durch ihre Richtigkeit den Beyfall erzwingen, durch ihre Originalit\u00e4t \u00fcberraschen, w\u00e4hrend sie durch ihre Erhabenheit den Geist emporleiten und das Herz erw\u00e4rmen. Man sieht an der ganzen Behandlung, da\u00df er seinen Gegenstand vollkommen beherrscht, und los von den Fesseln der Sprache, des Versbaues und des Reimes, mit m\u00e4chtiger Hand aus dem reichen Schatze, welchen sein Genie, seine Kenntnisse und sein Gef\u00fchl ihm \u00f6ffnen, dasjenige herausnimmt, was er zur Entwicklung seines Stoffes bedarf. Sein Gegenstand versezte ihn auf den heiligen Boden des Morgenlandes, in die lachenden Gefilde Griechenlands oder Italiens, in Skandinaviens W\u00fcsten oder in Caledoniens Nebel, an die Ufer des Ebro, der Themse, der Seine und des Rheins, oder an die Gestade des Ganges und Missisippis: er steht \u00fcberall gleichsam wie auf seinem eigenen Grund und Boden; er besinge einen Mann oder ein Ereigni\u00df, die mit dem Althertum, dem Mittelalter oder mit den neuern Zeiten in Verbindung stehen: immer gibt er in seinen Improvisationen deutliche Beweise, da\u00df er mit den Sitten und Gebr\u00e4uchen, mit dem Geiste, der Geschichte und Literatur der verschiedenen V\u00f6lker vertraut ist, und durch gr\u00fcndliches Studium wichtige Resultate daraus hergeleitet hat.<\/p>\n<p>(Die Fortsetzung folgt.)<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>[370] Der holl\u00e4ndische Improvisator, <i>Willem de Clercq<\/i>.<\/p>\n<p>(Fortsetzung.)<\/p>\n<p>Der vierte hervorstechende Zug beym Improvisiren des Herrn de Clercq ist die <i>hohe und wahrhaft religi\u00f6se Tendenz<\/i>, womit er jeden ihm aufgegebenen Gegenstand behandelt.<\/p>\n<p>Er geh\u00f6rt nicht zu den Dichtern, die, wie Goethe, in ihrer Poesie nach einer objektiven Wahrheit streben, sondern er mengt, wie Schiller, seine Individualit\u00e4t unwillk\u00fcrlich in die Verse, die seinem Herzen entstr\u00f6men, so da\u00df man in Allem, was er in Augenblicken dichterischer Begeisterung ausspricht, die eigenth\u00fcmliche Richtung seines Geistes bemerkt und die Farbe erkennt, welche das Gef\u00fchl seines Herzens \u00fcber die materielle Welt verbreitet. Und diese Individualit\u00e4t liegt in dem reinen und lebendigen Gef\u00fchl f\u00fcr Alles, was edel, gro\u00df und gut ist, in einem Herzen, das, durch den Einflu\u00df des Christenthums gebildet und veredelt, Alles zur Erreichung des hohen Zieles anwenden will, das uns in dem Evangelio vorgestellt wird. Er erblickt in allen Erscheinungen der \u00e4u\u00dfern Welt die Abzeichen h\u00f6herer Wahrheiten; alle Naturschilderungen, alle Ereignisse und alle merkw\u00fcrdige Personen, die er besingt, stehen vor seinen Augen in der innigsten Beziehung mit der Regierung einer weisen und liebevollen Vorsehung, und mit dem erhabenen Zwecke, wozu Gott den Menschen bestimmt hat, und wenn auch der Gegenstand zu einer solchen Behandlung wenig geeignet scheint, wei\u00df er seiner Poesie ohne allen Zwang eine h\u00f6here Richtung zu geben. Es ist wohl vorgekommen, da\u00df man ihm unter Scherz einen Stoff aufgab, der keine ernstere Behandlung zuzulassen schien, aber er ist dadurch nie in Verlegenheit gesezt; im Gegentheil sahen seine Freunde, die den ihm so eigenen Frohsinn in Anspruch zu nehmen schienen, sich in ihrer Erwartung meistens get\u00e4uscht, und f\u00fchlten sich zu hohem Ernst gestimmt. <\/p>\n<p>An einem Geburtsfeste reichte er unter anderm ihm Jemand ein Elementar-Rechenbuch, den <i>Bartjes<\/i>, dar, der in Holland etwa das ist, was in Deutschland <i>Adam Riese<\/i>, mit der Aufforderung, dar\u00fcber zu improvisiren. W\u00e4hrend ein Jeder \u00fcber diese sonderbare Wahl des Gegenstandes l\u00e4chelte, stand de Clercq auf, und ging davon aus, da\u00df der Mensch, wie \u00fcberall in Allem in und au\u00dfer ihm, so auch in den Formen seines Denkens und Erkennens und in deren Gesetzen, einen Abdruck von dem Bilde seines wahren Daseyns und seiner h\u00f6hern Bestimmung finden k\u00f6nne, stellte die Rechenkunst und deren Princip: Bildung und Entwicklung der Gr\u00f6\u00dfen, aus &mdash; und Zur\u00fcckf\u00fchrung und Aufl\u00f6sung derselben zu der Einheit &mdash; als ein Bild des menschlichen Lebens dar, und malte die\u00df, in Anwendung auf die verschiedenen Stufen des Alters, mit den lieblichsten Farben aus. Die <i>Kindheit<\/i>, in der Aufnahme der Vorstellungen von den Gr\u00f6\u00dfen der Au\u00dfenwelt, und in der Entwicklung der urspr\u00fcnglich gegebenen innern Kraftanlage fortschreitend, mit <i>Eins zu Eins<\/i>; &mdash; die <i>Jugend<\/i>, in der \u00fcberschwenglichen F\u00fclle der Kraft, in der Glut der Gef\u00fchle, im Gl\u00fcck der Liebe, im Segen der Ehe, im Eifer des berufenen Wirkens, strebend nach Idealen, und so die schon gewonnene Gr\u00f6\u00dfe selbst wieder als Einheit setzend zu h\u00f6herer neuen Entwicklung in <i>Ein-mal-Eins<\/i>; &mdash; des <i>vollern Alters<\/i> ruhigere Sch\u00e4tzung der Ma\u00dfe und sch\u00e4rfere Scheidung der n\u00fcchternen Wahrheit vom lieblichen Tr\u00e4ume des Lebens \u2013 im <i>Abziehn<\/i> begriffen, &#8211; der <i>Greisen Bem\u00fchung<\/i> endlich, um rettend aus der gro\u00dfem Masse des Vielfachen und Mannichfaltigen durch <i>Zersetzung und Aufl\u00f6sung<\/i> ein reines und ein- [371] faches Ergebni\u00df des Lebens zu gewinnen und zu bewahren &mdash; das Alles f\u00fchrte de Clercq in so entz\u00fcckend r\u00fchrenden Schilderungen aus, da\u00df schon, noch ehe er geendigt hatte, seine Zuh\u00f6rer aufs Tiefste ergriffen waren. Und das Ende?&#8230;.Des Lebens hohe Aufgabe so zu l\u00f6sen, da\u00df wir durch den Streit jener Entwicklungsstufen hindurch mit einer \u00e4hnlichen, aber h\u00f6hern als der blos unbewu\u00dft kindlichen, Einfalt und Einheit unsers Wesens hin\u00fcbertreten k\u00f6nnen &mdash; o, dazu gibt es nur Eine Weise des Verfahrens, den Glauben an Ihn, der der rechte Meister, der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.<\/p>\n<p>Man kann aus diesen schwachen Umrissen den Geist dieser Improvisation einigerma\u00dfen beurtheilen, und man wird ohne Zweifel die Wahrheit dessen erkennen, was wir \u00fcber die erhabene Tendenz des Improvisirens bey de Clercq gesagt haben, und sich mit uns \u00fcberzeugt halten, da\u00df die Behandlung ernster und gro\u00dfartiger Gegenst\u00e4nde ihm am besten gelingt. Der Verfasser der obbenannten Notiz in der <i>Revue<\/i> hat verschiedene dergleichen Improvisationen unsers Mitb\u00fcrgers angef\u00fchrt, unter andern die \u00fcber das Trauerspiel, den Tod Sokrates, die Reise des K\u00f6nigs von Neapel nach Laybach &#038;c. Wir setzen hinzu, da\u00df er nach der Zeit bey verschiedenen Gelegenheiten, im Kreise seiner Freunde, oder in der Gegenwart einiger ber\u00fchmten Gelehrten unsers Vaterlandes, die folgenden Gegenst\u00e4nde in demselben religi\u00f6sen Sinne behandelt hat: Der Glaube an Gott, das Ideal, Noah, Salomo, Luther, Ossian, Tasso, Racine, Voltaire, Wilhelm Tell, Indien, die Blumensprache, die Druckkunst, der Brand Konstantinopels &#038;c. Doch wir w\u00e4hlen aus den vielen Improvisationen, bey denen wir zugegen waren, eine, die unserer Meinung nach, am besten zum Beleg f\u00fcr das Angef\u00fchrte dienen kann. Im verflossenen Winter brachte er, nach dem Vorlesen seiner vortrefflichen Abhandlung <i>\u00fcber die Romanzen des Cid<\/i> (in der <i>Hollandsche Maatschappy van Kunsten en Wetenschapen<\/i>) einige Stunden in der Gesellschaft zweyer geistreicher Theologen von der Berliner Universit\u00e4t zu, die zu ihrer Vorbereitung f\u00fcr ihr Amt auf einer Reise durch Deutschland, Holland, die Schweiz und Italien begriffen waren. Nach einem lebhaften Gespr\u00e4che bat einer dieser jungen M\u00e4nner ihn, \u00fcber den Faust, in Bezug auf Goethe, zu improvisiren, wozu er, ohne sich auch nur einen Augenblick zu bedenken, bereit war.<\/p>\n<p>&quot;Kunst und Wissenschaft (davon begann er) dem Keime der edelsten Triebe und Anlagen des menschlichen Wesens entsprossene, edle Fr\u00fcchte zum Segen der Menschheit &mdash; ach! Auch ihren Gewinn und Besitz verkehrt die unselige Verderbtheit des Sterblichen zum Unheil, indem vermessener D\u00fcnkel ihn \u00fcber die, seiner Natur f\u00fcr den Lauf zu seiner Bestimmung gemessenen, Schranken hinaustreibt!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Die\u00df, eine uralte Wahrheit, stellt die verborgene oder einf\u00e4ltige Weisheit der Sagen in warnenden Bildern, an Gestalt nach den Formen der Zeit und Volksbegriffe verschieden, uns vor die Augen. In den Mythen vom Ikarus, Pha\u00ebton und Empedokles die hellenische Vorzeit &mdash; das Mittelalter in der Sage vom Faust.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Wie der fromme Sinn dieser Zeit mit Furcht und Entsetzen auf die Verirrung der frevelnden K\u00fchnheit einer starken Menschennatur schaut, und sie im Nebenschreiten geheiligter Schranken unwiderstehlich der Macht und dem Verderben des b\u00f6sen Geistes anheim fallen sieht, der schon im Paradiese die Herzen der ersten Menschen mit der Lust nach der Frucht vom verbotenen Baume der Erkenntni\u00df erf\u00fcllte &mdash; so lehrt es diese Sage vom Faust.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Aber anders hat diesen Gegenstand Goethe in seiner Behandlung gefa\u00dft.&quot;<\/p>\n<p>So ging de Clercq in ver\u00e4ndertem Versma\u00dfe zu einer Darstellung des Goetheschen Fausts und von dieser zu Goethe selbst, den er als Denker und Dichter, als den sich niemals gleichen Proteus unseres Jahrhunderts schilderte, \u00fcber. Unbeschreiblich sch\u00f6n malte Vers, Reim, Wort und Ton die wechselnde Empfindung seines reinen Dichterherzens bey den verschiedenen Werken Goethe\u2019s &mdash; der Iphigenie, dem Tasso, Egmont, Werther &#038;c., die seine Schilderung in wenigen kr\u00e4ftigen Z\u00fcgen dem Blick vor\u00fcber f\u00fchrte. Alles war gleich ausdrucksvoll, von der Bewunderung herab, die er freudig den sinnbildlich dichterischen Natur- und Weltanschauungen Goethe\u2019s zollte, bis zu der Emp\u00f6rung \u00fcber die schlechte Gemeinheit, womit dessen Wahlverwandtschaften das heiligste B\u00fcndni\u00df auf Erden sch\u00e4nden.<\/p>\n<p>Dann, wie aus allem dem Fr\u00fchern gleichsam die Lehre und Anwendung ziehend, fuhr er fort:<\/p>\n<p>&quot;Alle Poesie und alles Wissen erh\u00e4lt erst eigentlichen Werth im Dienste des H\u00f6hern. Dem Geiste, dem tiefen Grunde unsers Wesen, und dem Gef\u00fchle unserer h\u00f6hern Abkunft, Natur und Bestimmung, entsprossen, m\u00fcssen sie auch wieder, den Geist weckend, belebend, erhebend und heiligend, zum H\u00f6hern f\u00fchren. Ohne das &mdash; todt in sich selber, unn\u00fctz und ver\u00e4chtlich sind sie &mdash; in verkehrter, dawider streitender Richtung, und im Dienste des Niedern fluchbar und verderblich.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Keine andere, denn allein von diesem Geiste geleitete Dichtkunst zu treiben, ist und wird je mehr und mehr meiner Landleute Grundsatz.&quot;<\/p>\n<p>Und nun, in herzergreifender Ansprache zu den beyden jungen Gelehrten sich wendend, fuhr er fort:<\/p>\n<p>&quot;Ihr, die ihr an den Ufern der Spree und des Rheins Kunst und Wissenschaft getrieben, und diesen Geist und Sinn bey uns erkannt habt, haltet die Erinnerung daran fest; bezeugt es bey den Euern, da\u00df man auch in den niedern deutschen Landen Wissenschaft und Kunst als Bl\u00fcthen hegt, die Fr\u00fcchte f\u00fcr ein h\u00f6heres Leben treiben m\u00fcssen; sagt ihnen, wie man hier Alles, was in der Art Verwandtes von ihnen zu uns \u00fcberkommt, aber auch nur das, herzlich [372] willkommen hei\u00dft; sagt ihnen, da\u00df man auch hier Goethe huldigt, wenn er die h\u00f6chsten Wahrheiten mit religi\u00f6sem Glauben darstellt, aber ihn nicht lieben kann, wie er in dem Faust erscheint. &mdash; Sezt eure sch\u00f6ne Wanderung, den Blick aufs H\u00f6here gerichtet, freudig fort; verge\u00dft \u00fcber die neuen Freunde, die ihr findet, die, welche ihr zur\u00fcckla\u00dft, nicht; und la\u00dft fortw\u00e4hrend den frommen Christusglauben und die fromme Christusliebe das Band eurer genauern Verbindung mit dem Menschen bleiben. Doch wi\u00dft auch \u00fcberall den frommen Sinn zu finden und zu ehren, in wie verschiedener Form und Gestalt er sich erweisen mag, &mdash; auch wenn ihr in den herrlichen lombardischen Gefilden die Andacht vor dem Marmor knien seht. Kehrt dann reich an Erfahrung, gl\u00fccklich heim, und wirket treu und mit dem Glaubensmuthe, dem jeder Zweifel weicht, an dem herrlichen Baue des Reiches Gottes auf Erden!&quot;<\/p>\n<p>Und nun ergo\u00df sich sein vollgestr\u00f6mtes Gem\u00fcth in eine gl\u00fchende Dithyrambe, wodurch er seine Zuh\u00f6rer zu dem hohen Ziele erhob, das uns in Christo Jesu vorgestellt ist. <\/p>\n<p>Wenn man sich denkt, da\u00df alles dieses in poetischen Schmuck gekleidet, in kr\u00e4ftigen, flie\u00dfenden Versen mit hoher Begeisterung ohne alle Vorbereitung ausgesprochen oder vielmehr ausgegossen wurde, so wird man f\u00fchlen, da\u00df die Anwesenden nach dieser Improvisation augenblicklich auseinander gingen, um die hohe Gem\u00fcthsstimmung, zu der sie emporgezogen waren, durch keine ungleichartigen Gespr\u00e4che zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>(Die Fortsetzung folgt.)<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>[374] Der holl\u00e4ndische Improvisator, <i>Willem de Clercq<\/i>.<\/p>\n<p>(Fortsetzung.)<\/p>\n<p>Der lezte Charakterzug des Herrn de Clercq als Improvisator ist die <i>Schnelligkeit seines Ideenganges, und die Leichtigkeit seines Versbaues.<\/i><\/p>\n<p>Auch in dieser Hinsicht zeichnet unser Mitb\u00fcrger sich vortheilhaft aus. Er bedarf gew\u00f6hnlich keinen Augenblick um \u00fcber seinen Gedankenstand nachzudenken, und zu \u00fcberlegen, wie er denselben auffassen will; meistens bricht er in kr\u00e4ftigen Versen los, und der erste Griff bedingt oft die ganze Behandlung. Ist er einmal im Gange, so flie\u00dfen seine Verse dahin ohne die geringste Stockung, und schneller, als ein Dichter seine Poesien vorzulegen pflegt; er \u00e4ndert das Versma\u00df, nachdem der Gang des Gedichtes solches erfordert; selten strauchelt er auf seinem Wege; und wenn die\u00df auch wohl einmal geschieht, gibt es meistens seinen Gedanken eine ganz neue und \u00fcberraschende Wendung. Wir geben zu, da\u00df man \u00fcber den \u00e4sthetischen Wert seines Talents dann erst geh\u00f6rig w\u00fcrde urtheilen k\u00f6nnen, wenn man seine <i>improvisirten<\/i> Poesien <i>lesen<\/i> k\u00f6nnte, und wir glauben auch, da\u00df der Kunstrichter in seiner dichterischen Sprache und Styl Grund zu billigem Tadel w\u00fcrde finden k\u00f6nnen, doch Alles zeichnet sich auch in dieser Hinsicht so sehr aus, da\u00df es den Totaleindruck nicht st\u00f6rt, und vielmehr Erstaunen, als kritisirende Anmerkungen weckt. Treffende Bilder, originelle Vergleichungen, \u00fcberraschende Wendungen und Beyspiele, aus der Weltgeschichte hergenommen &mdash; alle diese Zierden der Poesie beleben seine Improvisationen, und erf\u00fcllen die Seele mit einer s\u00fc\u00dfen Mischung von Bewunderung und Freude.<\/p>\n<p>So viel wir wissen, sind nur zwei Gedichte von de Clercq gedruckt, eines an seinen Freund, Herrn <i>da Co-<\/i> [375] <i>sta,<\/i> der als genialer Dichter und Gelehrter eine sehr hohen Rang in Holland bekleidet, und ein anderes an Herrn <i>John Bowring<\/i>*), den als Dichter und Gelehrten hochgebildeter Londoner Kaufmann. Doch diese beyden Proben beweisen unseres Erachtens hinl\u00e4nglich, da\u00df sein Talent von der Improvisationsgabe der meisten Italiener sich auch darin unterscheidet, da\u00df er nicht nur in Augenblicken poetischer Begeisterung im Stande ist, gute Verse zu machen, sondern auch in einer ruhigeren Stimmung Beweise seines dichterischen Geistes zu geben vermag, die den Auforderungen der Kunst Gen\u00fcge leisten.<\/p>\n<p>Zur Best\u00e4tigung des Gesagten w\u00e4hlen wir aus den vielen Improvisationen de Clercq\u2019s die folgende, welche sich durch eine geistvolle Wendung vorz\u00fcglich auszeichnet. <\/p>\n<p>Als vor einiger Zeit Herr Hofrath Bouterweck sich in Amsterdam befand, hat er in einer Gesellschaft de Clercq die Wahl eines neuen Papstes zu besingen, und nachdem er diese nicht leichte Aufgabe in einem philosophisch-historischen und christlichen Sinne zum Erstaunen aller Anwesenden gel\u00f6st hatte, wies ein Anderer ihn auf die G\u00f6ttinger Universit\u00e4t. Augenblicklich sprang er auf, und stellte die Universit\u00e4ten vor als Vereinigungspunkte f\u00fcr alle Nationen der Erde, als Pflanzschulen der Menschheit. In diesem Lichte betrachtete er auch G\u00f6ttingen. Von da aus hatte Haller ein neues Licht \u00fcber die Naturkunde, und Heyne \u00fcber die klassische Literatur verbreitet, und da arbeiteten noch in einem Geiste Blumenbach, Heeren und Bouterweck. Nachdem er das Verdienst der drey ersten gro\u00dfen M\u00e4nner mit kurzen Z\u00fcgen geschildert hatte, bleib er bey Heeren stehen, und ging dessen <i>Ideen<\/i> durch, wobey er seine Zuh\u00f6rer auf das Licht wies, das dieser gr\u00f6\u00dfte Geschichtsforscher unserer Zeit in dem Werke \u00fcber die Weltgeschichte, und namentlich \u00fcber die Geschichte Egyptens, Indiens, Karthago\u2019s und Griechenlands verbreitet hat; hierauf wandte er sich zu Bouterweck, hob dessen literarischen Verdienste hervor, welche er sich insonderheit durch seine &quot;Geschichte der Poesie und Beredsamkeit&quot; erworben habe, ging die Hauptperioden dieses Werkes k\u00fcrzlich durch, und bezeugte am Schlusse in einem so bescheidenen, r\u00fchrenden Tone sein Leidwesen, da\u00df die Niederlande keinen Platz darin gefunden hatten, da\u00df Bouterwerck, wiewohl er nicht Alles verstand, tief ergriffen wurde. &quot;Durch eine solche Unparteylichkeit allein, so endigte de Clercq, welche das Gute bey allen V\u00f6lkern zu sch\u00e4tzen wei\u00df, w\u00fcrden Bouterweck und dessen ber\u00fchmte Amtsgenossen G\u00f6ttingen zu dem hohen Range erheben, welche die Universit\u00e4t als Vereinigungspunkt als Vereinigungspunkt f\u00fcr alle Nationen, als Bildungsschule der Menschheit, besitzen m\u00fcsse.&quot;<\/p>\n<p>(Der Beschlu\u00df folgt.)<\/p>\n<p>* Wir k\u00f6nnen uns nicht enthalten, bey dieser Gelegenheit auf die so eben in London erschienene <i>Batavian Anthology (or specimens of the Dutch Poets, with remarks on the poetical literature and language of the Netherlands the end of the seventeenth century by John Bowring, honorary Correspondent of the Royal Institute of the Netherlands etc. and Harry S. van Dyk)<\/i> aufmerksam zu machen, ein Werkchen, das viele treffende Bemerkungen \u00fcber die holl\u00e4ndische Sprache und manche gelungene Uebersetzungen aus derselben enth\u00e4lt. Die Zueignung besteht in einem sch\u00f6nen sinnvollen Gedichte an die Herren Bilderdyk, Feith, da Costa und de Clercq. In Deutschland herrscht noch leider ein Vorutheil gegen holl\u00e4ndische Poesie und Literatur, und M\u00e4nner wie <i>Wachler<\/i> (man sehe dessen Geschichte der historischen Forschungen) machen noch immer eine Ausnahme. W\u00e4hrend die Deutschen keinen Roman von Walter Scott und kein Gedicht von Byron und Lamartine un\u00fcbersezt lassen, und selbst die erst aufkeimende Literatur der nordischen V\u00f6lker pflegen, zeigen sie sich blos gegen Holland so partheyisch, gegen ein Land, dessen Poesie und Beredsamkeit sich schon zu einer gl\u00e4nzenden H\u00f6he erhoben hatte,  da Deutschland blos einen Opitz aufweisen konnte, und von dem <i>Bowring<\/i>, ein Mann, der mit der \u00e4lteren und neueren Literatur Europa\u2018s so innig vertraut ist, in unsern Tagen sagt: &quot;<i>We hope this volume will be soon followed by a continuation to our own days, than which no prouder period of literature has a place in the rolls of time<\/i>.&quot; Wir f\u00fchren lieber die Worte eines Fremden an, da der Lob auf die jetzige holl\u00e4ndische Literatur, das von dem Verfasser dieses Aufsatzes, einem in Holland eingeb\u00fcrgerten Deutschen, herr\u00fchrt, leicht partheyisch und also verd\u00e4chtig scheinen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>[378] Der holl\u00e4ndische Improvisator, <\/i>Willem de Clercq<\/i>.<\/p>\n<p>(Beschlu\u00df.)<\/p>\n<p>Was den Vortrag des Herrn de Clercq beym Improvisiren betrifft, so ist dieser so ungezwungen und nat\u00fcrlich, da\u00df man f\u00fchlt, wie er keineswegs dahin strebt, um den Eindruck seiner Poesien durch ein gl\u00e4nzendes Aeu\u00dfere zu erh\u00f6hen, sondern wie er, ohne daran zu denken, mit [379] dem Ergie\u00dfen seines Gef\u00fchls auf die ihm eigenth\u00fcmliche Weise sich begn\u00fcgt. Es mag wahr seyn, da\u00df der Kunstrichter auch in dieser Hinsicht seine Anforderungen nicht befriedigt findet; die Ueberzeugung, welche sich eines Jeden unwillk\u00fcrlich bem\u00e4chtigt, da\u00df de Clercq nat\u00fcrlich spricht, kann einigerma\u00dfen gegen das aufwiegen, was in der Stimme, in der Haltung und den Gederben weniger gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich f\u00fcgen wir noch hinzu, da\u00df die beyden ersten Improvisationen, deren Gang und Geist wir anzudeuten versucht haben, aus einer fr\u00fcheren Zeit herr\u00fchren, und also nur unvollkommene Beweise von dem abgeben k\u00f6nnen, was de Clercq, dessen Genie je l\u00e4nger je mehr an Umfang und Tiefe gewinnt, jetzt als Improvisator zu leisten im Stande ist. Wir h\u00f6rten ihn vor wenigen Tagen \u00fcber Luther improvisiren, einen Gegenstand, den er schon fr\u00fcher auf unsere Bitte besungen, und wir wurden von der erhabenen Gedankenf\u00fclle tief ergriffen, wodurch diese letztere Poesie sich vor der erstern auszeichnete, welches gewi\u00df nicht blo\u00df einem gl\u00fccklichen Momente, sondern vielmehr der gr\u00f6\u00dfern Reife seines Geistes zugeschrieben werden mu\u00df. Wir bedauern nur, da\u00df die Begeisterung, wozu wir uns unwillk\u00fcrlich hingerissen f\u00fchlten, uns die n\u00f6thige Besonnenheit raubte, um diese gro\u00dfe und meisterhaft durchgef\u00fchrte Komposition so tief unserm Ged\u00e4chni\u00df einzupr\u00e4gen, da\u00df wir den Gang und Geist derselben schildern k\u00f6nnen. Welch eine Zukunft \u00f6ffnet also dieser Mann unsern Blicken!<\/p>\n<p>Wir beschlie\u00dfen hiermit unsere Bemerkungen \u00fcber das Improvisiren des Herrn de Clercq, und glauben zur Erreichung unsers Zwecks genug angef\u00fchrt zu haben; allein wir k\u00f6nnen uns das Vergn\u00fcgen nicht versagen, hier beyzuf\u00fcgen, da\u00df unser Mitb\u00fcrger kein eigentlicher Gelehrter oder Literator ist, sondern da\u00df er sich die reichen Sch\u00e4tze der \u00e4ltern und neuern Sprachkunde, der Geschichte und der Philosophie erworben, und seinen Geist so sehr entwickelt hat, w\u00e4hrend er von seiner Jugend an f\u00fcr den Handel gebildet wurde, und diese Sch\u00e4tze noch immer vermehrt, w\u00e4hrend er an der Spitze eines wichtigen Handlunghauses (unter der Firma: <i>S. et P. De Clercq<\/i>) steht, da\u00df er sich in seinem eigentlichen Fache eben so tiefe Einsichten und ausgebreitete Kenntnisse verschafft hat (wir f\u00fchren zum Beweise blos die gedruckte und von ihm verfa\u00dfte Schrift \u00fcber den Getreidehandel an, welche die Kaufleute Amsterdams im Jahre 1822 SR. Majest\u00e4t dem K\u00f6nige \u00fcberreichten), und seinen Gesch\u00e4ften keinen Augenblick entzieht, da\u00df er immer Zeit findet, um an den Freuden des geselligen Lebens Theil zu nehmen, einen ausgebreiteten literarischen Briefwechsel zu f\u00fchren, und Posten f\u00fcr das allgemeine Wohl zu bekleiden (er ist Mitglied des Schulausschusses in Amsterdam und des Kirchenvorstandes der Taufgesinnten oder Mennoniten-Gemeinde*) Nach allen diesen angef\u00fchrten Beweisen \u00fcberlassen wir das Urtheil \u00fcber diesen kaum neun-und-zwanzigj\u00e4hrigen Mann mit Ruhe unsern Lesern.<\/p>\n<p>Wir endigen mit dem Wunsche, da\u00df das Angef\u00fchrte Herrn de Clercq nicht unwillkommen sey , und da\u00df Gott ihn im Besitze seiner ungeschw\u00e4chten Gesundheit bewahre, und ihn noch lange Zeit f\u00fcr sein Vaterland spare, welchem er zu einer so seltener Zierde gereicht, f\u00fcr das Christenthum, dem er mit einem so kindlichen und warmen Glauben zugethan ist, und f\u00fcr seine Angeh\u00f6rigen und zahlreichen Freunde, die in Hochachtung und Liebe zu ihm wetteifern. <\/p>\n<p>* Herr de Clercq wurde in gl\u00fccklichen Familienverh\u00e4ltnisse geboren und erzogen. Die meisten Mitgleider seiner Familie zeichneten sich durch Geschmack f\u00fcr Wissenschaft und Kunst r\u00fchmlich aus, und sein Gro\u00dfvater m\u00fctterlicher Seite, der b\u00fcrgerlich in hohem Alter gestorbene Prediger der Taufgesinnten Gemeinde in Amsterdam, Herr <i>Willem de Bos<\/i>, der sich durch zahlreiche Schriften als vielseitig gebildeter und gr\u00fcndlicher Gelehrter gro\u00dfen Ruhm erwarb, hatte an der fr\u00fcheren Erziehung und Ausbildung seines Enkels keinen geringen Antheil.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Notes:<\/strong><\/p>\n<div id=\"aei-blocktext\">\n<\/p><\/div>\n<dl id=\"aei-dl-meta-unimportant\">\n<dt>Collected by:<\/dt>\n<dd> EW<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A six-part article on the Dutch improvisatore, Willem de Clercq, describes his evangelical-Christian style of improvisation, praises his skill and ability to improvise on any given theme, and differentiates him from Italian improvisatori.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27,134],"tags":[141,216,199],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2189"}],"collection":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2189"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3120,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2189\/revisions\/3120"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}