{"id":2777,"date":"2016-09-02T16:12:42","date_gmt":"2016-09-02T20:12:42","guid":{"rendered":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2777"},"modified":"2016-12-31T15:40:26","modified_gmt":"2016-12-31T20:40:26","slug":"karl-ludwig-fernow-die-improvisatoren-part-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2777","title":{"rendered":"Karl Ludwig Fernow, &#8220;Die Improvisatoren&#8221; (Part 2)"},"content":{"rendered":"<div id=\"aei-root\" lang=\"en-GB\"><!-- suid=150 --><\/p>\n<dl id=\"aei-dl-meta\">\n<dt>Performer Name:<\/dt>\n<dd>Niccolo Leoniceno; Lorenzo Medici; Serafino of Aquina; Bernardo Accolti; Cristoforo of Florence; Cristoforo Gordi of Forli; Aurelio Brandolini (Lippo Fiorentino); Raffaele Brandolini; Andrea Marone; Camillo Querno; Giovanni Gazoldo; Girolamo Brittanico; Barabello of Gaeta; Mario Filelfi; Pamfilo Gasso; Pico della Mirandola; Ippolito of Ferrara; Luigi Alamanni; Giambattista Strozzi; del Pero; Niccolo Franciotti; Cesare da Fano; Lazaro Bramante; Leonardo da Vinci; Giovanna de&#8217; Santi; Barbara; Cecilia Micheli; Silvio Antoniano; Antonio Gelmi; Perfetti; Giambattista Bindi; Pietro Metastasio; Corilla; Fantastici; Bandettini; Menichina; Livia Sarchi; Gazzeri; Bacchini; Francesco Gianni; Faustino Gagliuffi<\/dd>\n<dt>Performance Venue:<\/dt>\n<dd>Rome<\/dd>\n<dt>Performance Date:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">&nbsp;<\/dd>\n<dt>Author:<\/dt>\n<dd>Fernow, Karl Ludwig<\/dd>\n<dt>Date Written:<\/dt>\n<dd>1801<\/dd>\n<dt>Language:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">German<\/dd>\n<dt>Publication Title:<\/dt>\n<dd>Der neue Teutsche Merkur<\/dd>\n<dt>Article Title:<\/dt>\n<dd>Die Improvisatoren (Fortsetzung)<\/dd>\n<dt>Page Numbers:<\/dt>\n<dd>3:23-63<\/dd>\n<dt>Additional Info:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">September 1801 issue<\/dd>\n<dt>Publisher:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Place of Publication:<\/dt>\n<dd>Weimar<\/dd>\n<dt>Date Published:<\/dt>\n<dd>1801<\/dd>\n<\/dl>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Text:<\/strong><\/p>\n<blockquote id=\"aei-blockquote\" lang=\"de\">\n<p>[23] Die Improvisatoren<\/p>\n<p>(Fortsetzung)<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nZweite Abtheilung.<\/p>\n<p>Die Kunst all&#8217;improviso zu dichten wanderte im zw\u00f6lften Jahrhunderte zugleich mit dem Geiste und den Formen der damals bl\u00fchenden provenzalischen Dichtkunst nach Italien hin\u00fcber, wo sie in dem Genie der Einwohner einen so g\u00fcnstigen Boden und in der geschmeidigen, harmonischen Landessprache einen so bildsamen Stoff vorfand, da\u00df sie nicht allein sich hier lebendig erhielt, sondern auch mit der italienischen Poesie gleiches Schrittes in ihrer Ausbildung fortging, und eine Lieblingserg\u00f6tzung der geistreichen, feurigen Bewohner dieses sch\u00f6nen Landes wurde, welche unter den beneidensw\u00fcrdigen Vorz\u00fcgen desselben keiner der geringsten ist. Wahrscheinlich hat auch der edelste und zarteste unter allen Liebes\u00e4ngern, <i>Petrarca<\/i>, der von dem Geiste und der sanften Glut der provenzalischen Dichter erf\u00fcllt war, diese Kunst ge\u00fcbt; wenigstens ist bekannt, da\u00df er zuerst die sch\u00f6ne Sitte derselben, die leider schon l\u00e4ngst wieder erloschen, und nur noch beim Improvisieren \u00fcblich ist, die [24] Sitte den Gesang mit der Laute zu begleiten, in Italien eingef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Die Geschichte der verflossenen Jahrhunderte nennt die Namen mehrerer, welche durch ihr Talent im Improvisiren, und durch den Ruhm, den sie in dieser bewunderungsw\u00fcrdigen Kunst erlangten, \u00fcber die Menge der \u00fcbrigen hervorragten. Aber sorgloser in ihrer Kindheit, als jetzt, hat sie uns aus den ersten Zeiten des Wiederauflebens der Dichtkunst keine Nachrichten von Improvisatoren aufbewahrt, obwohl ihre damalige Existenz nicht zu bezweifeln ist. Die fr\u00fchesten, deren sie erw\u00e4hnt, lebten am Ende des XVten und zu Anfange des XVIten Jahrhunderts, vornemlich zu den Zeiten des Papstes <i>Leo X<\/i>, welcher durch den edeln Eifer, womit er nach dem Beispiele seines gro\u00dfen Vaters <i>Lorenzo Medici des Herrlichen<\/i> alle Musenk\u00fcnste um seinen Thron versammelte, sich der unsterblichen Ehre w\u00fcrdig machte, dem goldenen Zeitalter der neueren Kunst seinen Namen zu geben.<\/p>\n<p>Auch diese Kunst des Genie&#8217;s, die schon Papst <i>Sixtus IV<\/i> unter seine Hoferg\u00f6tzungen aufnahm, fand, wie alle \u00fcbrigen, in <i>Leo X<\/i> einen huldreichen Bef\u00f6rderer. Sein Hof war ein Sammelplatz der ausgezeichnetsten Talente Italiens, wo jeder, dem die Natur einen solchen Adelsbrief ertheilt hatte, freien Zutritt, Ehre und Belohnung fand. Seine Abend- [25] mahlzeiten &mdash; nicht sch\u00e4ndliche Bacchanale der ausschweifenden Wollust, wie die Abendmahlzeiten eines <i>Alexander Borgia<\/i> und seiner ehrlosen Gesellen &mdash; waren gew\u00f6hnlich der Schauplatz froher und r\u00fchmlicher Wettk\u00e4mpfe des Genie&#8217;s, wo, vor einer auserlesenen Gesellschaft geistreicher und gelehrter M\u00e4nner, Dichter und witzige K\u00f6pfe ihre Kr\u00e4fte mit einander ma\u00dfen. In gleichem Ansehen stand diese Kunst damals an den gl\u00e4nzenden H\u00f6fen Italiens, dem von <i>Urbino, Ferrara, Mantua, Mailand<\/i> und <i>Neapel<\/i>. Dieser Geist eines frohen von den Musen und Grazien bekr\u00e4nzten Lebensgenusses, welcher, wie das meiste Gute und Sch\u00f6ne jener Zeiten, den Mediccern sein Daseyn verdankte, hatte sich fast allgemein an den H\u00f6fen und in den Pal\u00e4sten der Gro\u00dfen verbreitet. Mitten im wilden Get\u00fcmmel der Kriege, welche Italiens reizende Fluren verheerten, war es Sitte geworden, das Talent zu ehren, zu besch\u00fctzen und zu belohnen. Italiens F\u00fcrsten waren deshalb nicht selten eifers\u00fcchtig auf einander, und buhlten um den Besitz gro\u00dfer Dichter und Bildner. Kein Wunder, wenn in diesem belebenden Sonnenglanze des Gl\u00fcckes und des Ruhmes, Talente aller Art in solcher Menge und Trefflichkeit gediehen, da\u00df fast jeder F\u00fcrst Italiens eine Krone der edelsten um sich versammeln konnte. <\/p>\n<p>Aber seit <i>Dante<\/i> und <i>Petrarca<\/i> war mehr als Ein Jahrhundert verflossen und die italienische Sprache [26] und Poesie hatte in dieser langen Zeit keine neuen Fortschritte gemacht, weil ihre Nachfolger blo\u00dfe Nachahmer waren; im Gegentheil waren beide wieder in eine gewisse Rohheit zur\u00fcckgesunken; \u00fcberdies war die lateinische Sprache, vorz\u00fcglich am Hofe der P\u00e4pste, die Sprache der Gelehrten und Versk\u00fcnstler, weil man aus unzeitiger Achtung f\u00fcr das Alterthum den Wahn hatte, da\u00df die sublimen Platonischen Ideen, worin die Filosofen und sch\u00f6nen Geister jener Zeiten sich berauscht hatten, in der <i>lingua volgare<\/i> nicht w\u00fcrdig genug ausgedr\u00fcckt werden k\u00f6nnten; obgleich jene beiden gro\u00dfen Lichter hinl\u00e4nglich gezeigt hatten, was diese Sprache unter den H\u00e4nden des Genie&#8217;s sowohl im Erhabenen, als im Z\u00e4rtlichen und Geistreichen schon so fr\u00fche vermochte. Dieser Wahn hatte auch auf die extemporane Poesie den nachtheiligen Einflu\u00df, da\u00df in dieser Periode die Meister im Improvisiren meistens in lateinischer Sprache sangen. Erst nachdem mehrere gro\u00dfe M\u00e4nner, die bei der Nazion in Achtung standen, ein <i>Lorenzo Medici, Bembo, Bojardo, Bernardo Tasso, Ariost u.a.<\/i> der lebendigen Landessprache einen neuen Dichterschwung gegeben hatten, verlor allm\u00e4hlig die Lateinische das Primat, und die extemporane Poesie ward nun ein \u00e4chtes Nazionalgut.  <\/p>\n<p>Der erste Improvisatore, dessen die Geschichte der itanienischen Literatur erw\u00e4hnt, ist <i>Niccolo Leoni-<\/i> [27] <i>ceno<\/i> von <i>Vicenza<\/i>, geboren im J. 1428, einer der gelehrtesten Aerzte seiner Zeit und Lehrer des Kardinals <i>Bembo<\/i>. Der gro\u00dfe <i>Lorenzo Medici<\/i>, der selbst in seiner Jugend diese Kunst zum Vergn\u00fcgen trieb, sch\u00e4tze ihn hoch, und <i>Leo X<\/i>, dessen Gelangung zur p\u00e4pstlichen W\u00fcrde er noch erlebte, gab ihm in einem Breve ein freiwilliges Zeugni\u00df seiner Achtung. Er starb 98 Jahr&#8217; alt. <\/p>\n<p><i>Serafino<\/i> von <i>Aquila<\/i>, im Jahre 1466 geboren, \u00fcbte diese Kunst mit so gro\u00dfem Beifall und Ruhm aus, da\u00df mehrere F\u00fcrsten Italiens um seinen Besitz wetteiferten; und er brachte seine Lebenszeit abwechselnd an ihren H\u00f6fen zu. W\u00e4hrend derselben ward er fast verg\u00f6ttert und dem Petrarca gleich gesch\u00e4tzt. Diesen au\u00dferordentlichen Beifall, welcher bald nach seinem Tode  aufh\u00f6rte, verdankte er vornehmlich der pers\u00f6nlichen Anmuth und Lieblichkeit, womit er seine Verse zum Saitenspiel sang. Er starb um das Jahr 1500, im 34sten seines Alters zu Rom.  <\/p>\n<p><i>Bernardo Accolti<\/i> von <i>Arezzo<\/i> geb\u00fcrtig und wegen seiner gro\u00dfen Meisterschaft im Improvisiren der <i>Einzige<\/i> genannt, erwarb sich zuerst am Hofe des Herzogs von Urbino, und dann am Hofe Leo&#8217;s des Zehnten mit seiner Kunst einen bis dahin beispiellosen Beifall. Wenn sich &mdash; sagt ein gleichzeitiger Schriftsteller &mdash; das Ger\u00fccht durch Rom verbreitete, [28] da\u00df der <i>Einzige<\/i> singen w\u00fcrde, so wurden die Kraml\u00e4den geschlossen und das Hinzudr\u00e4ngen war so stark, da\u00df man die Th\u00fcren des Hauses, wo er sang, mit Wachen besetzen mu\u00dfte; die gelehrtesten M\u00e4nner und ehrw\u00fcrdige Pr\u00e4laten eilten in die Wette herbei um ihn zu h\u00f6ren, und sein Gesang wurde oft durch den lauten Beifall der Zuh\u00f6rer unterbrochen. <\/p>\n<p>Nicht minder ber\u00fchmt war ein gewisser <i>Cristoforo<\/i> von <i>Florenz<\/i>, mit dem Zunamen <i>l&#8217;altissimo<\/i>, welcher auf diese Weise ein gro\u00dfes romantisches Rittergedicht, <i>i Reali<\/i> betitelt, verfertigte. W\u00e4hrend er dasselbe all&#8217;improviso sang, ward es von seinen Freunden niedergeschrieben, und nach seinem Tode im Jahre 1734 erschien es im Druck. Es erhebt sich nie \u00fcber das Mittelm\u00e4\u00dfige und sinkt oft unter dasselbe. Ein Florentiner, dessen <i>Ruscelli<\/i> gedenkt ohne ihn mit Namen zu nennen, und der vielleicht eben dieser <i>Cristoforo<\/i> war, pflegte oft unter guten Freunden den ersten besten lateinischen Dichter aufzuschlagen und ein St\u00fcck aus demselben auf der Stelle in <i>ottave rime<\/i> \u00fcbersetzt, zur Leier abzusingen. <\/p>\n<p>Die Geschichtschreiber jener Zeit gedenken dreier <i>blinder<\/i> Improvisatori, deren erster <i>Cristoforo Gordi<\/i> von <i>Forli<\/i> geb\u00fcrtig um das Jahr 1500 lebte. Der zweite, <i>Aurelio Brandolini<\/i> von <i>Florenz<\/i>, auch <i>Lippo Fiorentino<\/i> genannt, verlor in der fr\u00fchesten Kindheit sein Gesicht, brachte es aber [29] dessen ungeachtet im Improvisiren zu solcher Vollkommenheit, da\u00df er es mit den besten seiner Zeit aufnahm und sich \u00f6fter vor dem Papst <i>Sixtus IV<\/i> mit Beifall h\u00f6ren lie\u00df. Einst als man ihm in Verona das Lob der ber\u00fchmten M\u00e4nner des Alterthums, die Verona hervorgebracht hat, zum Thema gab, sang er auf der Stelle das Lob des <i>Catull<\/i>, des <i>Cornelius Nepos<\/i> und des <i>j\u00fcngern Plinius<\/i> in bewundernsw\u00fcrdigen Versen. Ein andermal, wo man ihm des <i>Plinius Naturgeschichte<\/i> zum Thema gegeben hatte, gab er, wie ein gleichzeitiger Skribent versichert, einen Auszug des ganzen Werks, Buch f\u00fcr Buch, in Versen, ohne auch nur einen bedeutenden Umstand zu \u00fcbergehen. Sein Ruf erscholl bis an den Hof des <i>Matthias Corvinus<\/i>, K\u00f6nigs von Ungarn, welcher, nach Weise der italienischen F\u00fcrsten, eine Menge gelehrter M\u00e4nner und sch\u00f6ner Geister um sich versammelte, und auch diesen blinden S\u00e4nger zu sich einlud. <i>Brandolini<\/i> kehrte nach dem Tode dieses K\u00f6nigs nach Italien zur\u00fcck, und starb 1497 in Rom. Er hatte einen Bruder, Namens <i>Raffaele<\/i>, der gleichfalls durch einen ungl\u00fccklichen Zufall das Gesicht verloren hatte, und sich eben so wie jener als Improvisatore ber\u00fchmt machte. Dieser sang mit mehreren anderen oft an der Tafel <i>Leo&#8217;s X<\/i>, wo er einst von dem <i>Andrea Marone<\/i>, der ein Herkules in Wettk\u00e4mpfen dieser Art war, \u00fcberwunden und zum Schweigen gebracht wurde. <\/p>\n<p>[30] <i>Andrea Marone<\/i> von <i>Pordenone<\/i> aus dem <i>Friul<\/i> geb\u00fcrtig, der gewaltigste unter allen Improvisatoren am Hofe <i>Leo&#8217;s<\/i>. Er sang \u00fcber jeden Gegenstand mit au\u00dferordentlicher Leichtigkeit in lateinischen Versen, und \u00fcberwand die meisten seiner Nebenbuhler im Wettgesange. Gleichzeitige Schriftsteller, die ihn geh\u00f6rt haben, erz\u00e4hlen Wunderdinge von ihm. Er begleitete seinen Gesang gew\u00f6hnlich mit der Geige, fing gemach an, und je weiter er fortfuhr, um so str\u00f6hmender ergo\u00df sich sein Gesang, um so gr\u00f6\u00dfer ward die Leichtigkeit, das Feuer und die Eleganz seiner Verse. Seine funkelnden Augen, der vom Gesicht triefende Schwei\u00df, das Aufschwellen der Adern auf seiner Stirne, zeugten von der Glut, die in seinem Innern brannte. Ein frohes Staunen fesselte alle Zuh\u00f6rer, und es schien, als ob er die Dinge, die er im Moment hervorbrachte, lange vorher durchdacht h\u00e4tte, so klar, reif und wohlgeordnet waren seine Ideen. Je schwieriger die Aufgabe war, um so bewundernsw\u00fcrdiger gelang ihm die Ausf\u00fchrung. Einst bei einer gl\u00e4nzenden Tafel im p\u00e4pstlichen Pallast, an welcher die fremden Gesandten und die Vornehmsten Roms versammelt waren, ward ihm der heilige Bund, der damals wider den T\u00fcrken im Werke war, zum Thema gegeben. Er hob seinen Gesang mit den Worten an:<\/p>\n<pre class=\"aei-poetry1\">\r\nInfelix Europa diu quassata tumultu\r\nBellorum &mdash;\r\n<\/pre>\n<p>[31] und setzte ihn lange mit so allgemeinem Beifall der Anwesenden fort, da\u00df der Papst ihm nach Endigung desselben ein Benefiz in der Di\u00f6cese von Capua zur Belohnung schenkte. Dieser S\u00e4nger lebte lange am Hofe <i>Leo&#8217;s<\/i>, der ihm eine Wohnung im Pallast des Vatican gab, allgemein geehrt und geachtet; aber er war nie reich, entweder weil man ihn mit taubem Lobe abspeiste, oder weil er, sorglos nach Poetenweise, die Gl\u00fccksg\u00f6ttin nicht zu fesseln wu\u00dfte. Unter dem Holl\u00e4nder <i>Hadrian IV<\/i>, den man auch spottweise den <i>H\u00e4ringspapst<\/i> zu nennen pflegte, und der die Poeten f\u00fcr sch\u00e4ndliche G\u00f6tzendiener hielt, ward er aus dem Vatican gejagt, aber in der Folge von <i>Clemens VII<\/i> wieder dahin zur\u00fcckgerufen. Er ward zu mehreren Malen mit in die Ungl\u00fccksf\u00e4lle verwickelt, welche Rom unter der Regierung dieses Papstes erdulden mu\u00dfte, ward dreimal von den Pl\u00fcnderern ergriffen, grausam gemartert und alles des Seinigen beraubt. Er ging nun nach Capua, kehrte aber bald wieder nach Rom zur\u00fcck, in der Hoffnung seine B\u00fccher und Schriften wieder zu finden, die er w\u00e4hrend der Unruhen verloren hatte. Hier fiel er in eine Krankheit und starb arm, elend, von allen verlassen, als Bettler in einer Kneipschenke, im Jahr 1527 und im 53sten seines Alters.<\/p>\n<p>Von sehr verschiedenem Karakter war ein anderer Stegreif-Dichter derselben Zeit, Namens <i>Ca-<\/i> [32] <i>millo Querno<\/i> von <i>Monopoli<\/i>, im K\u00f6nigreiche Neapel, der von den Geschichtschreibern jener Zeiten als ein Erzschmarotzer und Buffone geschildert wird. Sein Talent bestand in einer seltenen Leichtigkeit all&#8217;improviso zu singen, die aber von einer noch seltenern Unversch\u00e4mtheit begleitet war. <i>Querno<\/i> kam unter <i>Leo X<\/i> Regierung nach Rom um hier sein Heil zu suchen, und brachte als Dokument seiner poetischen W\u00fcrde ein lateinisches Gedicht von mehr als 20,000 Hexametern mit, das den Namen <i>Alexiados<\/i> f\u00fchrte. Mit diesem Gedichte und der Zither in der Hand pr\u00e4sentirte er sich selbst genugsam wie ein Apollo der damals bl\u00fchenden R\u00f6mischen Akademie als Improvisatore. Die Akademiker, denen sein festes, mit einer gro\u00dfen Wolkenper\u00fccke umgebenes Vollmonds-Gesicht entgegen gl\u00e4nzte, ahndeten in dem S\u00e4nger der Alexiade Stoff zu belustigenden Szenen. Man stellte ein gro\u00dfes Gastmahl auf der Tiber-Insel an, wozu auch Querno eingeladen wurde. Nachdem dieser sich seiner Gewohnheit nach im Essen, Trinken und Improvisiren gleich wacker erwiesen hatte, ward sein dreifaches Talent feierlich mit einem Kranze von Kohlbl\u00e4ttern, Weinlaub und Lorbeerzweigen gekr\u00f6nt, und dann der so gekr\u00f6nte Dichter mit lautem Jubel zum <i>Arcipoeta<\/i> ausgerufen. Stolz auf die Ehre, die ihm hier widerfahren war, verlangte er dem Papst vorgestellt zu werden. Es geschah, und <i>Leo<\/i> fand in dem vollwangigen Musensohne eine treffliche Akquisizion f\u00fcr [33] seine Tafelbelustigungen, zu welchen er von Stund an freien Zutritt erhielt. Was ihm von der p\u00e4pstlichen Tafel gereicht wurde, verschlang der immer hungrige und durstige Poet gew\u00f6hnlich am Fenster stehend, und \u00f6fters reichte ihm der heilige Vater seinen eigenen Becher zum Trinken dar, mit der Bedingung, da\u00df er wenigstens ein Distichon aus dem Stegreif sagen mu\u00dfte, und wenn dieses schlecht gerieth, so bekam er zur Strafe stark gew\u00e4sserten Wein. Zuweilen antwortete der Papst dem Poeten in Versen; z. B. als dieser einst sagte:<\/p>\n<pre class=\"aei-poetry1\">\r\n<i>Archipoeta facit versus pro mille poetis<\/i>\r\n<\/pre>\n<p>antwortete jener:<\/p>\n<pre class=\"aei-poetry1\">\r\n<i>Et pro mille aliis archipoeta bibit.<\/i>\r\n<\/pre>\n<p>Und als bald darauf der durstige Poet anstimmte:<\/p>\n<pre class=\"aei-poetry1\">\r\n<i>Porrige, quod faciat mihi carmina docta,\r\n Falernum<\/i>\r\n<\/pre>\n<p>Setzte der Papst hinzu: <\/p>\n<pre class=\"aei-poetry1\">\r\n<i>Hoc etiam enervat, debilitatque pedes.<\/i>\r\n<\/pre>\n<p>Womit er auf des Poeten Podagra anspielte. Ungeachtet dieser Vertraulichkeit mit dem heiligen Vater erging es leider dem lustigen Tafelpoeten, wie es gew\u00f6hnlich den Buffonen zu ergehen pflegt. Die Beifallsbezeugungen, die er erhielt, waren zuweilen mit Beleidigungen, wohl gar mit Schl\u00e4gen gew\u00fcrzt; \u00fcber- [34] dem hatte er den Verdru\u00df, da\u00df der unbezwingliche <i>Marone<\/i> ihn im Wettsingen \u00f6fter zum Schweigen brachte. Er besuchte darum diese Abend-Symposien seltener und verlie\u00df endlich Rom g\u00e4nzlich, ging nach Neapel, gerieth daselbst in Armuth und Krankheit, und schlitzte sich in einem Anfalle von Unmuth mit einer Scheere den Bauch auf, zerschnitt sich die Eingeweide und starb eines schmerzlichen, grauenvollen Todes.<\/p>\n<p>Unter den Improvisatoren, welche Papst <i>Leo&#8217;s<\/i> Abendmahlzeiten  w\u00fcrzten, gab es noch einige andere, die ihre Kunst auf \u00e4hnliche Wiese zu Buffonaden herabw\u00fcrdigten. Unter diesen war einer, Namens <i>Giovanni Gazzoldo<\/i>, der seiner l\u00e4cherlichen Verse wegen zuweilen vom Papst verurtheilt wurde, feierlich abgepr\u00fcgelt zu werden, wodurch er das M\u00e4hrchen von Rom ward; und ein anderer, <i>Girolamo Brittanico<\/i> mit Namen, der sich auf dieselbe Weise dem Gesp\u00f6tte preis gab. Ein gewisser <i>Barabello von Gaeta<\/i> r\u00fchmte sich Verse all&#8217;improviso zu machen, die den Versen des Petrarca gleich k\u00e4men und verlangte deshalb, so wie dieser auf dem Kapitol gekr\u00f6nt zu werden. <i>Giovius<\/i> hat den l\u00e4cherlichen Pomp beschrieben, womit diese Zeremonie begangen werden sollte, die aber hernach unterblieb, weil der Elefant, auf welchem der Poet <i>Barabello<\/i> im Triumf aufs Kapitol reiten sollte, bei dieser Gelegenheit [35] mehr Verstand zeigte als die Menschen, und durchaus nicht die Engelsbr\u00fccke passiren wollte.<\/p>\n<p>Au\u00dfer den bisher Genannten zeichneten sich zu derselben Zeit noch ein <i>Mario Filelfi, Pamfilo Gasso, Pico della Mirandola<\/i>, seines gro\u00dfen vielumfassenden Genie&#8217;s wegen <i>der F\u00f6nir<\/i> genannt, <i>Ippolito von Ferrara<\/i> u.a. in dieser Kunst aus, welche meistens der damaligen Sitte gem\u00e4\u00df in lateinischen Versen improvisirten.<\/p>\n<p>Nach dem Tode <i>Leo&#8217;s X<\/i> gerieth diese Sitte ziemlich in Verfall; desto mehr aber ward diese Kunst nun in italienischen Versen getrieben. Unter der gro\u00dfen Menge von Improvisatori, welche im Verfolg des XVIten Jahrhunderts bl\u00fcheten, nennt die Geschichte einen <i>Luigi Alamanni, Giambattista Strozzi, del Pero, Niccolo Franciotti, Cesare da Fano<\/i>, welche sich s\u00e4mmtlich zur Zeit <i>Clemens VII<\/i> in Rom befanden. Auch d\u00fcrfen wir unter den bildenden K\u00fcnstlern den Baumeister <i>Lazaro Bramante<\/i> und den allumfassenden <i>Leonardo da Vinci<\/i> nicht mit Stillschweigen \u00fcbergehen. In diesem Jahrhunderte, wo die Liebe zu den sch\u00f6nen K\u00fcnsten einen allgemeinen Enthusiasmus erregt hatte, und wo auch das sch\u00f6ne Geschlecht seinen Beitrag zur Versch\u00f6nerung des italienischen Parnasses gab, finden wir zuerst die Namen dreier Dichterinnen bemerkt, wel- [36] che all&#8217;improviso sangen: eine Venezianerin <i>Cecilia Micheli<\/i>, und zwei von Correggio geb\u00fcrtig: eine Nonne des Klosters St. Antonio in dieser Stadt, Namens <i>Barbara<\/i> und eine <i>Giovanna de&#8217; Santi<\/i>.<\/p>\n<p>Aber \u00fcber alle Improvisatori dieser Zeit ragte <i>Silvio Antoniano<\/i> hervor, der in der Folge zur Kardinalsw\u00fcrde gelangte, ein Gl\u00fcck, das er seinem Talent verdankte. Er wurde im Jahr 1540 in Rom von einer unbekannten Familie geboren und \u00e4u\u00dferte sein au\u00dferordentliches Talent zum Improvisiren schon in fr\u00fcher Jugend, daher man ihn gew\u00f6nlich <i>il poetino<\/i> (den kleinen Poeten) nannte,  welchen Namen auch noch ein gewisser <i>Alessandro Zanco<\/i> und ein <i>Giovanni Leone<\/i> von Modena f\u00fchrten. Der Kardinal Otto Trucses nahm den jungen <i>Silvio<\/i> zu sich ins Haus und lie\u00df ihn im Lateinischen, Griechischen und Italienischen gr\u00fcndlich unterweisen, damit sein Geist keiner Bildung ermangele. Einst gab derselbe eine Probe von seiner Kunst, welche Aufsehen und Bewunderung erregte. Bei einem Gastmale seines G\u00f6nners, bei welchem auch der Kardinal <i>Giannangelo Medici<\/i> zugegen war, profezeite er diesem letzteren improvisirend die Gelangung zur p\u00e4pstlichen W\u00fcrde; eine Profezeiung, die der Erfolg bald nachher wahr machte. Im Jahr 1555 h\u00f6rte ihn der Herzog von Ferrara <i>Ercole II<\/i>, welcher nach Rom gekommen war, um den neuen Papst <i>Marcello<\/i> zu [37] komplimentiren, und ward von dem Talent des funfzehnj\u00e4hrigen Poetino so eingenommen, da\u00df er ihn mit sich nach Ferrara f\u00fchrte, wo ihm der Herzog eine Pension, und im 17ten Jahre seines Alters einen Lehrstuhl der sch\u00f6nen Wissenschaften ertheilte. Ein gewisser <i>Ricci<\/i> erz\u00e4hlt in einem Briefe an <i>Giambattista Pigna<\/i>, den Lebensbeschreiber des <i>Ariosto<\/i>, da\u00df einst im Fr\u00fchling, wo <i>Silvio<\/i> in seiner Villa vor einer Gesellschaft von Freunden improvisirte, eine Nachtigall von dem Klange der Laute angelockt, so lieblich und kunstreich zu fl\u00f6ten und zu gurgeln angefangen habe,  als ob sie sich mit dem <i>Silvio<\/i> in einen Wettstreit einlassen wollen, so da\u00df alle Anwesenden in Verwunderung gerathen seyen; da\u00df <i>Silvio<\/i>, durch dieses wunderbare Ereigni\u00df begeistert, seinen Gesang an die kleine S\u00e4ngerin gerichtet und in sch\u00f6nen Versen ihr Lob gesungen habe. Er gab \u00f6ftere Proben seines Talents in Venedig vor der K\u00f6nigin <i>Bona<\/i> von Pohlen, und in Florenz wohin er den Erbprinzen <i>Alfonso<\/i> von Ferrara begleitete. <i>Barchi<\/i>, einer der ersten Florentinischen Gelehrten jener Zeit, und selbst Dichter, sagt von ihm: &quot;Ich f\u00fcr meinen Theil habe nie etwas geh\u00f6rt (obwohl ich alt bin und viel in der Art geh\u00f6rt habe) was mir bewundernsw\u00fcrdiger geschienen h\u00e4tte, als das Improvisiren des Messer <i>Silvio Antoniano<\/i>, als er mit dem erlauchten und vortrefflichen Prinzen Don <i>Alfonso<\/i> in Florenz war. Er war in diesem zarten Alter ein Naturwunder, ein [38] Ungeheuer; man merkte ihm an, da\u00df er in Messer <i>Annibal Caro&#8217;s<\/i> Schule gewesen war, und wenn ich selbst ihn nicht geh\u00f6rt h\u00e4tte, so w\u00fcrde ich nie geglaubt haben, da\u00df es m\u00f6glich sey, so sinnreiche und anmuthige Verse all&#8217;improviso zu singen. Ich hab ihm zweimal das Thema, wovon er eins in <i>terze rime<\/i>, und das andere in <i>ottave rime<\/i> ausf\u00fchrte, und alles, was \u00fcber die aufgegebenen Materien zu sagen war, mit bescheidener Grazie sagte. Papst <i>Pius IV<\/i> (ehemaliger Kardinal Giannangelo Medici) berief gleich nach seinem Regierungsantritte den <i>Silvio<\/i> nach Rom und machte ihn zum Sekretair seines Neffen des jungen Kardinal <i>Borromeo<\/i>, und so stieg er durch die verschiedene \u00c4mter und Ehrenstellen endlich zur Kardinalsw\u00fcrde empor, die ihm Papst <i>Clemens VIII<\/i> im Jahr 1598 ertheilte. Er starb in Rom 1603, 63 Jahre alt.<\/p>\n<p>Wir \u00fcbergehen der K\u00fcrze wegen eine Menge anderer, nicht minder geschickter und bewunderter Improvisatori, die in mehreren St\u00e4dten Italiens zerstreut, ihre Kunst aus\u00fcbten, deren Studium sich immer allgemeiner verbreitete, dergestalt, da\u00df oft auch Leute niederen Standes, von \u00e4chtem Dichtergenius getrieben, sich auf diese Kunst legten und in ihr zu gro\u00dfer Meisterschaft gelangten. So z.B. erw\u00e4hnt <i>Maffei<\/i> eines Beckers in Verona, Namens <i>Antonio Gelmi<\/i>, der um das Ende des XVIten Jahrhunderts [39] lebte und als einer der gr\u00f6\u00dften Improvisatori bewundert wurde. Er sang \u00fcber jedes ihm aufgegebene Thema und in allen Versarten. Oft gaben ihm mehrere Zuh\u00f6rer, jeder einen Vers, den er am Ende jeder Stanze so geschickt mit seinen eigenen Versen zu verbinden wu\u00dfte, als ob er von ihm selbst w\u00e4re verfertiget worden.<\/p>\n<p>Im folgenden XVIIten Jahrhunderte theilte die Kunst des Improvisirens mit der geschriebenen Poesie den Einflu\u00df der Geschmacksverderbni\u00df, welche damals allgemein in Italien herrschte. Die Geschichte hat wenig Nachrichten und Produkte von Improvisatoren aus dieser Epoche aufbewahrt, und wahrscheinlich ist der Schaden nicht gro\u00df; denn auch unter den zahlreichen gedruckten Poeten jener Zeit sind nur wenige dieser Ehre w\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Im j\u00fcngstverflossenen achtzehnten Jahrhunderte hat die extemporane Dichtkunst, so wie die italienische Poesie \u00fcberhaupt, sich nicht nur wieder zu einem reineren Geschmack erhoben, sondern sie hat auch durch mehrere ausgezeichnete Talente einen neuen Schwung, ein allgemeineres Interesse und einen Grad vom Vollkommenheit erhalten, den sie vielleicht selbst im Jahrhunderte <i>Leo&#8217;s<\/i> nicht hatte. Und wenn sie gleich in unsern Zeiten der zweideutigen Ehre entbehrt, von P\u00e4psten und F\u00fcrsten zur Tafelbelustigung gebraucht [40] und gemi\u00dfbraucht zu werden; so ist sie doch immer noch, und vorz\u00fcglich seit dem letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts, die Lieblingsbesch\u00e4ftigung genialischer Geister und eine der edelsten und reinsten Vergn\u00fcgen des gesellschaftlichen Lebens f\u00fcr den gebildeteren Theil dieser geistreichen und f\u00fcr das Kunstsch\u00f6ne vielleicht mehr als jede andere empf\u00e4nglichen Nazion. <\/p>\n<p>Da nun nicht allein diese Zeiten uns n\u00e4her liegen, sondern auch einige der gr\u00f6\u00dften Meister und Meisterinnen in dieser Kunst noch jetzt bl\u00fchen, und andere vor kurzem Verstorbene in noch frischem Andenken sind: so wird es vielleicht dem teutschen Leser nicht  unwillkommen seyn, wenn wir ihm von den neueren und neuesten Virtuosen in dieser Kunst, von ihren Lebensumst\u00e4nden, von ihrem Kunstkarakter und von ihren Produkten einige Nachrichten mittheilen, so wie der Verfasser sie theils aus Schriften, theils durch freundschaftliche Mittheilung, theils durch eigene Erfahrung zu erhalten Gelegenheit gehabt hat.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmteste Improvisatore in der ersten H\u00e4lfte des achtzehnten Jahrhunderts war der  Kavaliere <i>Bernardino Perfetti<\/i> von <i>Siena<\/i>, wo er im Jahr 1682 geboren wurde. Sein Talent zur Poesie offenbarte sich schon in fr\u00fcher Jugend; denn bereits im siebenten Jahre seines Alters verfertigte er Sonette [41] und extemporirte Verse. Er verlie\u00df im 16ten Jahre das Jesuiter-Kollegium, wo er bis dahin erzogen worden war, und besch\u00e4ftigte sich vorz\u00fcglich mit dem Studium der Poesie, wozu er den Ruf der Natur so m\u00e4chtig in sich f\u00fchlte, und sein Trieb zu dieser Kunst ward noch mehr angefeuert durch den Beifall, den ein gewisser <i>Giambattista Bindi<\/i> sich damals in seiner Vaterstadt durch Improvisiren in der scherzhaften Manier des <i>Berni<\/i> erwarb. Der junge Dichter kultivirte dabei das Studium der Rechtsgelahrtheit, wozu er bei den Jesuiten den Grund gelegt hatte, mit solchem Erfolg, da\u00df ihm der Gro\u00dfherzog <i>Cosimo III<\/i> einen Lehrstuhl des b\u00fcrgerlichen und kanonischen Rechts auf der Universit\u00e4t zu Siena ertheilte. Diese ernsthafteren Besch\u00e4ftigungen seines Geistes hinderten ihn aber nicht, dem Drange seines Talents nachzugeben und seine Erholungsstunden dem Improvisiren zu widmen. Am liebsten sang er an sch\u00f6nen Sommerabenden, von einem Zirkel seiner Freunde begleitet, auf der Gasse. Einst als er so das Lob einiger edeln Sienesischen Familien sang, ergo\u00df sich die F\u00fclle seiner Begeisterung in einen so reichen Strom sch\u00f6ner Verse, da\u00df die ihn umgebende Menge, von Bewunderung hingerissen, ihn mit lautem Jubel, wie im Triumf bis an seine Wohnung begleitete. Dieser Vorfall verbreitete den Ruf seines Talents durch Siena und gab ihm Muth, mit seiner Kunst \u00f6ffentlich aufzutreten. Aber er erkannte bald, da\u00df auch das [42] gr\u00f6\u00dfte Talent f\u00fcr sich allein unzureichend ist, und da\u00df er in dieser Kunst nur durch eine m\u00f6glichst ausgebreitete Kultur des Geistes den Grad von Vollkommenheit erreichen k\u00f6nne, wozu er Trieb und Kraft in sich f\u00fchlte. Er ergriff darum das Studium der Wissenschaften mit neuem Eifer, entschlossen die Sf\u00e4re aller Erkenntni\u00df zu durchwandern, und in keiner ein Fremdling zu bleiben. Sein durchdringender Geist und sein gl\u00fcckliches Ged\u00e4chtni\u00df unterst\u00fctzten ihn darin derma\u00dfen, da\u00df er sich bald im Stande sah, jedes wissenschaftliche Thema, das ihm vorgelegt wurde, mit solcher Gr\u00fcndlichkeit zu behandeln, da\u00df es schien, als ob er in allen Wissenschaften Meister sey; dabei gelangte er durch stete \u00dcbung zu einer solchen Leichtigkeit und Gewi\u00dfheit, da\u00df es in dieser schweren Kunst keine Schwierigkeiten mehr f\u00fcr ihn gab. So ausger\u00fcstet legte er in den meisten gro\u00dfen St\u00e4dten Italiens Beweise seiner Meisterschaft ab, und auch jenseits der Alpen zu M\u00fcnchen, wohin er auf Veranlassung des Kurprinzen, nachherigen Kaisers <i>Karl VII<\/i> mit der Erzherzogin von \u00d6sterreich, eine Reise machte, erwarb er sich allgemeine Bewunderung und fand in der Prinzessin <i>Violante<\/i> eine Besch\u00fctzerin und Freundin. Als diese F\u00fcrstin im Jubeljahre 1725 Rom besuchte, kam auch <i>Perfetti<\/i> in ihrem Gefolge dahin, und der Beifall, den seine Kunst in dieser Stadt fand, war so gro\u00df, da\u00df Papst <i>Benedikt XIII<\/i>, der nichts weniger als ein Liebhaber und Kenner der Poe- [43] sie war, ihm aus eigener Bewegung &mdash; oder wie andere wollen, aus Bewegung seiner Besch\u00fctzerin <i>Violante<\/i> &mdash; die Ehre der feierlichen Kr\u00f6nung auf dem Kapitol zugestand; eine Ehre, die bis dahin blos dem <i>Petrarca<\/i> zu Theil geworden, und auch dem <i>Torquato Tasso<\/i> zugedacht war, wenn nicht der Tod ihn am Abend vor der Kr\u00f6nung hinweggerafft h\u00e4tte. Obgleich <i>Perfetti&#8217;s<\/i> Talent und Ruhm \u00fcber allen Zweifel erhaben war, so sollte er doch, seiner eigenen Ehre wegen, sich durch neue Beweise seiner Meisterschaft dazu legitimiren. Er wurde deshalb drei Abende nach einander von eigens dazu ernannten Examinatoren gepr\u00fcft, und mu\u00dfte zw\u00f6lf ihm vorgelegte Aufgaben aus der Theologie, Jurisprudenz, Filosofie, Medizin, Geschichte, Mathematik, Filologie, Gymnastik, Poesie, Musik und den bildenden K\u00fcnsten all&#8217;improviso in Versen beantworten; und am letzten Abende wiederholte er den Inhalt aller in den vorhergehenden Abenden ihm vorgelegten Fragen, ohne die Ordnung der Materien zu verwirren, mit so vieler Geistesgegenwart und Leichtigkeit, da\u00df alle Anwesenden erstaunten und kein Neider seine Stimme gegen ihn zu erheben wagte. Der Ausspruch der Richter nach dem Examen war, da\u00df der Dichter bis dahin alle anderen Improvisatori, w\u00e4hrend der drei Tage \u00f6ffentlicher Pr\u00fcfung aber sich selbst \u00fcbertroffen habe. Darauf ward endlich der Dichter am 23ten Mai desselben Jahres in Gegenwart der Kardin\u00e4le, Prinzen, [44] Pr\u00e4laten, vieler Gelehrten und der Prinzessin <i>Violante<\/i> von dem Marchese <i>Mario Frangipani<\/i>, derzeitigen Senator von Rom, feierlich auf dem Kapitol gekr\u00f6nt. Der Zug ging in einer gl\u00e4nzenden Prozession vom Kollegio romano den kapitolischen H\u00fcgel hinauf und der S\u00e4nger sa\u00df in einem vergoldeten Triumfwagen. Nach vollbrachter Kr\u00f6nung begab sich dieser, als ein guter katholischer Christ, unmittelbar vom Kapitol nach der Kirche St. Maria de&#8217; Martiri (dem Pantheon), um der Madonna f\u00fcr den ihm geleisteten Beistand seinen Dank abzustatten. Darauf ward er von der Akademie der Arkadier feierlich zu einer au\u00dferordentlichen  Versammlung eingeladen, wo er gleichfals Proben seiner Kunst ablegte, von dem Kustode der Akademie mit einer Lobrede beehrt und zum Mitgliede unter dem Namen <i>Alauro Euroteo<\/i> aufgenommen wurde. Die Stadt Rom ertheilte ihm und seinen Nachkommen das B\u00fcrgerrecht, mit der Erlaubni\u00df, einen Lorbeerkranz im Familienwapen zu f\u00fchren; in Rom und Florenz wurden dem Dichter zu Ehren Medaillen gepr\u00e4gt, und die Sieneser sandten eine Deputation nach Rom, um den Papst f\u00fcr die ihnen in ihrem Mitb\u00fcrger erwiesene Ehre Dank abzustatten. So sah man hier jene sch\u00f6ne Sitte des Alterthums erneuert, wo die Belohnung eines Talents, das der Nazion Ehre brachte, als eine Angelegenheit der Nazion behandelt ward. <i>Perfetti<\/i> starb zu Siena am Schlagflu\u00df, im Jahre 1747 und [45] im 66sten seines Alters. Dieser Dichter sang am liebsten in ottave rime, aber nach Beschaffenheit der S\u00fcjets, die ihm vorgelegt wurden, auch in allen andern Sylbenma\u00dfen; er f\u00fchrte vornehmlich den Gebrauch der anakreontischen Sylbenma\u00dfe ein, deren man sich vor ihm wenig oder gar nicht zum Improvisiren zu bedienen pflegte, wodurch er seinen Nachfolgern, vorz\u00fcglich denen vom andern Geschlecht, die Aus\u00fcbung der Kunst sehr erleichterte. Von ihm stammt auch die Einf\u00fchrung der Sitte, die verschiedenen abgehandelten Materien zu riepilogiren und daraus einen Schlu\u00dfgesang zu machen, in welchem er auch die desperatesten Dinge durch passende \u00dcberg\u00e4nge auf eine sinnliche Art zu verbinden wu\u00dfte. Es war ihm ein Leichtes, hundert und mehr Terzinen nach einander nicht, wie sonst gew\u00f6hnlich, zu singen, sondern wie aus dem Ged\u00e4chtni\u00df herzusagen; und auf jedes Sonett, so viel man ihm deren vortragen mochte, antwortete er auf der Stelle in denselben Reimen. <i>Fabroni<\/i>, der sein Leben beschrieben hat, f\u00fchrt mehrere Beispiele seines erstaunlichen Talents und seiner beispiellosen Fertigkeit an. Wenn der Strom der Begeisterung ihn dahin ri\u00df, sang er mit solcher Geschwindigkeit, da\u00df der Musiker, der seinen Gesang begleitete, oft nicht ihm zu folgen vermochte; sein Auge flammte, seine Brust athmete schwer, und sein Blut gerieth in so heftige Wallung, da\u00df er sich nach dem Singen wie abgemattet und entseelt f\u00fchlte, und die [46] auf einen solchen Abend folgende Nacht gew\u00f6hnlich schlaflos zubrachte. Die au\u00dferordentlichen Beifalls- und Ehrenbezeugungen, womit man diesen K\u00fcnstler, als den ersten Improvisatore Italiens \u00fcberall aufnahm, hatten auf seinen Karakter keinen Einflu\u00df; sie machten ihn weder hoff\u00e4rtig, noch eingebildet, noch eigensinnig. Er war immer bescheiden und gef\u00e4llig, und es kostete keine Schwierigkeiten, ihn zum Singen zu bringen, wenn er auf ein verst\u00e4ndiges Auditorium rechnen konnte. Aber von einer l\u00f6blichen Selbstliebe berathen, erlaubte er nicht, da\u00df seine Verse nachgeschrieben w\u00fcrden. Zufrieden mit dem Beifall des Augenblicks, den der Enthusiasmus der H\u00f6rer ihm zollte, wollte er seinen erworbenen Ruhm nicht einer kalten sylbenz\u00e4hlenden Kritik preisgeben. Dessen ungeachtet hat man eine Sammlung von seinen Gedichten in zwei B\u00e4nden, welche nach seinem Tode im Jahre 1748 im Druck erschienen, und mehr das Verdienst des Talents und der ihm eigenen Leichtigkeit der Versifikation, als der Feile haben. Dem Papst <i>Klemens XI<\/i>, der ihm einst wegen seines au\u00dferordentlichen Talents die schmeichelhaftesten Lobeserhebungen machte, gab er zur Antwort: &quot;Heiliger Vater! mein Talent ist eine Gabe Gottes; wie der wollte, da\u00df der Esel Bileams rede, so wollte er auch, da\u00df ich ein Dichter sey.&quot;<\/p>\n<p><i>Pietro Metastasio<\/i>, der Sohn eines geringen Kramers, Namens <i>Trapassi<\/i>, in Rom, wurde [47] im Jahre 1688 geboren, und zeigte schon in seiner zarten Jugend ein entschiedenes Talent zur Dichtkunst, indem er ohne alle Bildung aus blo\u00dfem Drange des angebornen Triebes auf den Gassen und Pl\u00e4tzen improvisirte, und die Aufmerksamkeit aller Vor\u00fcbergehenden erregte. Diese fr\u00fchen \u00c4u\u00dferungen seines poetischen Instinkts machten ihn auch dem gro\u00dfen Rechtsgelehrten <i>Gravina<\/i> bekannt, welcher den jungen <i>Trapassi<\/i> an Kindes Statt zu sich nahm, seinen Namen, gleichsam als ob er den Knaben dadurch den Musen weihen wollte, in den gleichbedeutenden griecheischen Namen <i>Metastasio<\/i> \u00fcbersetzte, und ihm eine Erziehung gab, welche ihm die Quellen der poetischen Kultur \u00f6ffnen und seine seltenen Anlagen entwickeln konnte. Aber das Singen all&#8217;Improviso war f\u00fcr <i>Metastasio&#8217;s<\/i> zartes Nervensystem zu angreifend; denn oft, wenn er von poetischer Begeisterung hingerissen, seine Kr\u00e4fte zu stark angespannt hatte, fiel er in eine solche Ermattung, da\u00df man ihn zu Bette bringen, und seine ersch\u00f6pften Lebensgeister durch st\u00e4rkende Mittel wieder herstellen mu\u00dfte. In diesem Zustande der Entkr\u00e4ftung blieb er oft vier und zwanzig Stunden lang. Da diese Symptome \u00f6fter wiederkehrten und seinem Leben Gefahr drohten, so mussten die \u00c4rzte ihm die Aus\u00fcbung dieser Kunst g\u00e4nzlich untersagen. Sein Genius nahm nun unter der g\u00fcnstigen Leitung der S\u00e4ngerin <i>Marianna Bulgarini<\/i>, welche f\u00fcr den jungen Dichter eine z\u00e4rtliche [48] Freundschaft gefasst hatte, eine andere Richtung und \u00f6ffnete ihm eine sch\u00f6nere Bahn der Unsterblichkeit, auf welcher er der Sch\u00f6pfer des neueren italienischen Singspieles, und noch bei seinem Leben der Lieblingsdichter der ganzen gebildeten Welt wurde, dessen Werke in London und Filadelfia, in Lissabon und in Petersburg, mit gleichem Beifall wie in Florenz gelesen werden.<\/p>\n<p>Unter der Menge italienischer Dichterinnen des achtzehnten Jahrhunderts haben sich mehrere in dieser Kunst ausgezeichnet, und durch die Reize, die das sch\u00f6ne Geschlecht \u00fcber die K\u00fcnste der Musen verbreitet, nicht wenig zu ihrer Aufnahme beigetragen. Vornemlich haben in der letzten H\u00e4lfte desselben drei unter ihnen ihren Namen als Improvisatrici ber\u00fchmt gemacht, nemlich: <i>Maddalena Morelli<\/i>, bekannt unter ihrem arkadischen Namen <i>Corilla<\/i>; <i>Fortunata Fantastici<\/i> und <i>Teresa Bandettini<\/i>, welche letztere unter den jetztlebenden Dichterinnen Italiens den ersten Platz behauptet; au\u00dfer diesen nennt der Ruf noch eine toskanische B\u00e4uerin, Namens <i>Menichina<\/i>, eine <i>Livia Sarchi<\/i>, eine <i>Gazzeri<\/i>, eine <i>Bacchini<\/i>, die wir hier blos genannt zu haben uns begn\u00fcgen.<\/p>\n<p><i>Maddalena Morelli Fernandez<\/i> von <i>Pistoja<\/i> geb\u00fcrtig, unter den Arkadiern <i>Corilla<\/i> [49] <i>Olimpica<\/i> genannt, wurde fast ein halbes Jahrhundert hindurch als die erste Improvisatrice Italiens bewundert, und ihre feierliche Kr\u00f6nung auf dem Kapitol im Jahr 1776, dem zweiten Regierungsjahre <i>Pius VI<\/i>, verbreitete ihren Namen und Ruhm durch ganz Europa. <i>Corilla<\/i> war bereits ein Jahr fr\u00fcher in der Akademie der Arkadier feierlich gekr\u00f6nt worden, und sie ist bis jetzt die einzige in neueren Zeiten \u00f6ffentlich gekr\u00f6nte Dichterin. Diese seltene Ehre widerfuhr ihr vornemlich auf Betrieb ihres Besch\u00fctzers und Freundes, des Prinzen <i>Don Luigi Gonzaga di Castiglione<\/i>; und <i>Pius VI<\/i> war um so bereitwilliger dazu, weil eine Feierlichkeit so seltener Art auch auf seine Regierung einen Glanz werfen konnte. Die Kr\u00f6nung der <i>Corilla<\/i> gab einem Schriftsteller Veranlassung zu bemerken, da\u00df im achtzehnten Jahrhunderte ein Improvisatore (der Cavaliere <i>Perfetti<\/i>) auf Betrieb eines Weibes (der Prinzessin Violante), und eine Improvisatrice auf Betrieb eines Mannes gekr\u00f6nt worden sey. Diese Feierlichkeit, welche ganz der Kr\u00f6nung des <i>Perfetti<\/i> gleich veranstaltet wurde, ist ausf\u00fchrlich in einer Sammlung von Gedichten beschrieben, welche bei dieser Gelegenheit zur Ehre der Dichterin verfertiget, und von <i>Bodoni<\/i> in Parma im Jahre 1779 mit vieler typografischer Pracht gedruckt wurden. <i>Corilla<\/i> ward eben so wie <i>Perfetti<\/i> von eigens dazu ernannten Examinatoren gepr\u00fcft, welche ihr w\u00e4hrend dreier [50] Abende zw\u00f6lf verschiedene Themata aus der geistlichen Geschichte, geoffenbarten Religion, Moralfilosofie, Fysik, Metafysik, epischen Poesie, Gesetzgebung, Redekunst, Mythologie, Harmonie, bildenden Kunst und Pastoralpoesie vorlegten, die sie vor einer gew\u00e4hlten Versammlung beiderlei Geschlechts in der Wohnung ihres G\u00f6nners, des Prinzen <i>Gonzaga<\/i>, all&#8217;improviso ausf\u00fchren mu\u00dfte. Sie ward sodann am 31sten August feierlich auf dem Kapitol gekr\u00f6nt und sammt ihren Nachkommen in den r\u00f6mischen Adelstand erhoben. Aber es war mit dem Examen der Dichterin nicht allerdings aufrichtig zugegangen; denn man hatte ihr die ihr vorzulegenden Fragen vorher mitgetheilt, um sich vorbereiten zu k\u00f6nnen. Dieses blieb nicht verborgen und gab ihren Neidern Gelegenheit zu satirischen Ausf\u00e4llen; aber die Regierung, welche ihre Ehre dabei gef\u00e4hrdet glaubte, nahm sich der Sache an, und die Furcht brachte die Sp\u00f6tter zum Schweigen. Einem noch lebenden r\u00f6mischen Gelehrten und Freunde der <i>Corilla<\/i>, welcher den ganzen Briefwechsel in H\u00e4nden hatte, der bei jener Gelegenheit zwischen der Dichterin, ihrem Besch\u00fctzer und ihren Examinatoren gef\u00fchrt worden war, wurden im Namen der Conservatori diese Papiere abgefodert; er wu\u00dfte aber Zeit zu gewinnen, um eine Abschrift davon zu nehmen, die derselbe auch noch gegenw\u00e4rtig besitzt. Indessen konnte durch die Bekanntwerdung dieses unschuldigen Betruges der Ruhm der <i>Corilla<\/i> [51] als Dichterin nichts verlieren; denn ihr Talent war zu bekannt, und sie hatte in allen gro\u00dfen St\u00e4dten Italiens hinl\u00e4ngliche Proben ihrer au\u00dferordentlichen Fertigkeit gegeben; aber die bei einem Frauenzimmer sehr verzeihliche Besorgni\u00df, da\u00df es ihr an der n\u00f6thigen <i>Gelehrsamkeit<\/i> mangeln m\u00f6chte, um jedes ihr vorgelegte wissenschaftliche Thema auf der Stelle zu behandeln, machte ihr eine vorl\u00e4ufige Mittheilung und Erkl\u00e4rung  der Aufgaben nothwendig. <i>Corilla<\/i> hatte alle Naturanlagen, welche zu dieser Kunst geh\u00f6ren, und eine unersch\u00f6pfliche Leichtigkeit in der Darstellung; aber sie besa\u00df keine andere Kultur des Geistes, als die, welche sie durch das Lesen der italienischen Dichter, und durch den steten Umgang mit den geistreichsten Gelehrten dieses Landes erworben hatte; daher lie\u00df sie, wenn ihr wissenschaftliche Aufgaben vorgelegt wurden, sich gew\u00f6hnlich den Gegenstand erst erkl\u00e4ren, und behandelte ihn dann auf der Stelle mit aller poetischen Kunst, die ein Produkt ihres Talents war. \u00dcberdie\u00df besa\u00df <i>Corilla<\/i> nach dem Zeugnisse aller, die sie gekannt haben, den liebensw\u00fcrdigsten Karakter und eine nat\u00fcrliche Herzensg\u00fcte, welche ihr eben so die Gunst aller Herzen erwarb, wie ihr gro\u00dfes Talent alle Geister bezauberte. Sie brachte den letzten Theil ihres Lebens in Florenz zu und starb daselbst am 8ten November des verwichenen Jahres. Am 25sten desselben Monats lie\u00df der Franz\u00f6sische General <i>Miollis<\/i>, der die italienischen Musen in seine beson- [52] dere Protekzion genommen hat, ihr Andenken durch eine gl\u00e4nzende Todtenfeier verherrlichen, und das Haus, welches sie bewohnt hatte, mit der einfachen Inschrift zieren: <i>Hier wohnte Corilla im achtzehnten Jahrhundert<\/i>. Im Saal der Arkadier zu Rom ist die B\u00fcste dieser Dichterin neben der B\u00fcste <i>Metastasio&#8217;s<\/i> aufgestellt.<\/p>\n<p><i>Fortunata Sulgher<\/i>, bekannter unter dem Namen <i>Fantastici<\/i>, wurde etwa um die H\u00e4lfte des letztverwichenen Jahrhunderts in Livorno geboren, wo die Umst\u00e4nde ihres Vaters, welcher daselbst Kaufmann war, durch Ungl\u00fccksf\u00e4lle in Verfall geriethen, so da\u00df nach dem Tode ihrer \u00c4ltern, der vom Gl\u00fccke weniger als von der Natur beg\u00fcnstigten <i>Fortunata<\/i> keine andere Aussichten \u00fcbrig blieben, als die, welche sie selbst sich zu er\u00f6fnen f\u00e4hig war. Diese bedr\u00e4ngte Lage foderte sie um so st\u00e4rker auf, ein Talent zu kultiviren, durch welches sie schon \u00f6fter im freundschaftlichen Kreis Beifall und Aufmunterung einge\u00e4rndtet hatte, und eine Bahn zu betreten, auf welcher ihr <i>Corilla<\/i>, welche gerade damals in der Bl\u00fcthe ihres Ruhmes stand, als ein gl\u00e4nzendes Muster vorleuchtete. Sie ging deshalb nach Florenz, wo sie nicht lange unbemerkt blieb, wo sie Aufmunterung, Unterst\u00fctzung und Freunde fand, deren lehrreicher Umgang f\u00fcr sie eine Akademie aller mannigfaltigen Kenntnisse wurde, welche zur gl\u00fccklichen Aus\u00fcbung [53] einer so viel umfassenden Kunst unentbehrlich sind. Vorz\u00fcglich nahm der gelehrte Abt <i>Fontani<\/i> (den man nicht mit dem Arzt <i>Fontana<\/i> verwechseln mu\u00df) sich der Bildung der jungen Dichterin an, und, um sie unmittelbar an die Quelle zu f\u00fchren, lehrte er sie die lateinischen und griechischen Dichter in der Ursprache lesen. Sie verheurathete sich in Florenz mit einem Goldschmidt, Namens <i>Fantastici<\/i>, unter welchem Namen sie sich in der Folge auf ihren Reisen durch die vornehmsten St\u00e4dte Italiens ber\u00fchmt machte, und lebt mit denselben noch gegenw\u00e4rtig in m\u00e4\u00dfigen Umst\u00e4nden, aber in einer gl\u00fccklichen und kinderreichen Ehe. Sie stand mit der <i>Corilla<\/i> viele Jahre hindurch in freundschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, und improvisirte am Tage der Todtenfeier dieser Dichterin zu ihrem Lobe. Mit weniger eigenth\u00fcmlichen Genius als <i>Corilla<\/i>, und mit weniger Sapphischer Glut und Eleganz als die <i>Bandettini<\/i>, besitzt die <i>Fantastici<\/i> die gl\u00fcckliche Leichtigkeit beider, und die Gabe der Mnemosyne, welche unter den mancherlei Gaben, die zu dieser Kunst ihren Beitrag liefern m\u00fcssen, die unentbehrlichste ist, und nicht selten das Genie vertritt: ein nie versagendes und mit poetischen Stoffe alter und neuer Dichterwerke reichlich gen\u00e4hrtes Ged\u00e4chtni\u00df.<\/p>\n<p><i>Teresa Bandettini<\/i>, unter den Arkadiern <i>Amarilli Etrusca<\/i>, von <i>Lucca<\/i> geb\u00fcrtig, wo ihr [54] Vater Kaufmann war. Dieser starb im achten Jahre ihres Alters und hinterlie\u00df ein ziemlich zerr\u00fcttetes Hauswesen, so da\u00df der Familie nur ein k\u00e4rglicher Unterhalt blieb. <i>Teresa<\/i> zeigte schon in ihrer zarten Jugend bei einer einnehmenden Bildung ungew\u00f6hnliche Anlagen, einen lebhaften Geist und eine vorz\u00fcgliche Neigung zum Tanz und zur Lekt\u00fcre. Da die Mutter durch ihre h\u00e4usliche Lage sich gehindert sah, ihrer Tochter die Erziehung zu geben, welche ihr Stand zu erfodern schien; so entschlo\u00df sie sich, wenigstens die Anlage zur Tanzkunst in ihr zu kultiviren, damit sie bald f\u00e4hig werde, ihren Unterhalt auf dem Theater zu erwerben. Nachdem die junge <i>Teresa<\/i> einige Jahre hindurch diese Kunst schulm\u00e4\u00dfig erlernt hatte, betrat sie im dreizehnten Jahre ihres Alters zum erstenmal zu Venedig das Theater. Hier erwachte der in ihr schlummernde Trieb zur Dichtkunst auf Veranlassung einer z\u00e4rtlichen Freundschaft, die sie zu einer andern jungen T\u00e4nzerin von ihrem Alter gefasst hatte; diese ward der Gegenstand ihrer poetischen Erstlinge. Bald wurde das Talent der kleinen Luccheserin bei der Truppe bekannt, und die Schauspieler bedienten sich desselben in ihren Liebesangelegenheiten, wo es der jungen <i>Teresa<\/i> nie an Gelegenheit fehlte, ihr Talent zu \u00fcben und sich in fremde Situazionen zu versetzen. Sie kehrte nach Verlauf der Theaterzeit wieder in ihre Vaterstadt zur\u00fcck, und da sich sogleich kein neues Engagement fand, [55] entschlo\u00df sie sich, theils aus Neigung, theils aus dem Wunsche, ihrer Mutter nicht l\u00e4stig zu fallen, ihr poetisches Talent ins Spiel zu setzen. Sie gieng in die nahe gelegenen B\u00e4der von <i>Lucca<\/i> und lie\u00df sich von den dort anwesenden Fremden mit kleinen kunstlosen Ges\u00e4ngen all&#8217;improviso h\u00f6ren, welche sie auf eine so anmuthige und einschmeichelnde Weise vorzutragen wu\u00dfte, da\u00df sie immer Beifall und Belohnung erhielt. Der Graf <i>Savioli<\/i>, der sich durch seine <i>Amori<\/i> als einen der elegantesten unter den lebenden Dichtern Italiens bekannt gemacht hat, lernte hier die junge Dichterin kennen, und nahm sich ihres aufstrebenden Talents an, so viel es Zeit und Umst\u00e4nde es dermalen erlauben wollten. Seine aufmunternden und lehrreichen Winke waren f\u00fcr sie eben so viele begeisternde Funken, welche den edelsten Enthusiasmus des Sch\u00f6nen in ihrer Brust entz\u00fcndeten und sie das Bed\u00fcrfni\u00df einer h\u00f6hern Geisteskultur kennen lehrten. Sie fing nun ernstlicher als je an, die Dichter ihrer Nazion zu studiren, und ergriff dabei jede Gelegenheit, ihr Talent zu \u00fcben. An ein gr\u00fcndliches Studium war f\u00fcr jetzt nicht zu denken. Sie kehrte im folgenden Winter wieder zum Theater zur\u00fcck und verheirathete sich einige Jahre sp\u00e4ter an den T\u00e4nzer <i>Landucci<\/i>, mit welchem sie noch gegenw\u00e4rtig in zufriedener Ehe lebt. Sie ging darauf mit der Gesellschaft, bei welcher sie sich befand, nach Mailand, wo sie mit ihrem seitdem mehr entwickelten und ge\u00fcbten Talent [56] Aufsehn erregte. Einige edeldenkende und bemittelte Freunde der Kunst interessirten sich th\u00e4tig f\u00fcr sie, und schossen eine Summe zusammen, die sie in den Stand setzte, das Theater zu verlassen und ihre Kunst sowohl, als die zur Aus\u00fcbung derselben n\u00f6thigen H\u00fclfswissenschaften, gr\u00fcndlicher zu studieren. Man gab ihr Lehrer, die sie im Lateinischen und in der italienischen Dichtkunst unterrichteten, und ihr die Quellen derjenigen Erkenntnisse aufschlossen, die dem Dichter unentbehrlich sind.  Ihr gl\u00fcckliches Talent \u00fcberwand leicht alle Schwierigkeiten und eilte der Zeit so zuvor, da\u00df sie nach einigen Jahren sich stark genug f\u00fchlte, in den vornehmsten St\u00e4dten Italiens als Improvisatrice aufzutreten. Schnell verbreitete sich nun ihr Name auf den Fl\u00fcgeln des Rufes; sie fand \u00fcberall Beifall und Belohnung, deren das Talent, wenn es einmal anerkannt ist, in Italien nie ermangelt; und ihr best\u00e4ndiger Umgang mit den geistreichsten und gebildetsten Menschen, die der Zauber ihrer Kunst und ihres Geschlechtes \u00fcberall um sie versammelte, vollendete schnell die \u00e4sthetische Kultur ihres Geistes. Gegenw\u00e4rtig ist diese K\u00fcnstlerin im Sommer ihres Lebens und in der \u00c4rnte ihres Ruhms. Seit f\u00fcnf bis sechs Jahren hat die allgemeine Stimme ihr den ersten Platz unter den Dichterinnen Italiens angewiesen, welchen sie jetzt, nach dem Tode der <i>Corilla<\/i>, ohne Widerrede behauptet. Nach dem Zeugni\u00df der Kenner, welche beide Dichterinnen genauer gekannt [57] haben, ist die <i>Bandettini<\/i> der <i>Corilla<\/i> an poetischem Talent und an unersch\u00f6pflicher Dichterader gleich zu sch\u00e4tzen, und \u00fcbertrifft diese letztere noch in der Reinheit und Eleganz der Dikzion, und in der Anmuth und Delikatesse ihrer Bilder. Der Verfasser hatte im Jahre 1797, w\u00e4hrend des zweiten Aufenthalts dieser Dichterin in Rom, Gelegenheit, sie zu verschiedenen Malen singen zu h\u00f6ren, und ihr gro\u00dfes Talent zu bewundern. <i>Angelika Kaufmann<\/i> hat die <i>Bandettini<\/i> in einem Kniest\u00fcck von nat\u00fcrlicher Gr\u00f6\u00dfe, improvisirend, mit einem Ausdruck von Begeisterung gemalt, die vielleicht nur <i>Angelika<\/i> so innig zu empfinden und so wahr auszudr\u00fccken im Stande war, und welcher dies Portrait zu einer ihrer sch\u00e4tzenswertesten Arbeiten in dieser Art machte. *) <\/p>\n<p>Unter den jetztlebenden Improvisatoren behauptet seit verschiedenen Jahren <i>Francesco Gianni<\/i> den ausgebreitetsten Ruhm, und mit ihm wollen wir diese Nachrichten beschlie\u00dfen. Sein Vater, der ein Schn\u00fcrbrustmacher in Rom war, that ihn zu einem Kutschenmacher in die Lehre; aber die schw\u00e4chliche Leibesbeschaffenheit des jungen <i>Gianni<\/i>, welcher sich bei dieser f\u00fcr ihn zu schweren Arbeit einen H\u00f6cker zuzog, erlaubte ihm nicht in diesem Handwerke fortzufahren; und da indessen sein Vater gestorben war, kehrte er zu seiner Mutter zur\u00fcck, welche in der Verfertigung [58] der zu jener Zeit \u00fcblichen B\u00fcgelr\u00f6cke, <i>guardinfanti<\/i> genannt, geschickt war, und trieb eine Zeitlang das gleiche Handwerk. Um diese Zeit, wo einige geschickte Improvisatori in Rom waren, und wo die wenige Jahre vorher gefeierte Kr\u00f6nung der <i>Corilla<\/i> noch in frischem Andenken war, hatte sich unter den J\u00fcnglingen dieser Stadt eine poetische Epidemie verbreitet. \u00dcberall bildeten sich Zirkel junger Leute, die sich im Improvisiren \u00fcbten. In einem derselben befand sich auch unser <i>Francesco<\/i>, und ragte bald, obgleich er noch ohne alle Geistesbildung war, durch sein nat\u00fcrliches Talent und durch eine Funkenspr\u00fchende Begeisterung, unter allen \u00fcbrigen hervor. Ein Theil dieser jungen Leute stiftete eine Akademie unter dem Namen <i>de&#8217; forti<\/i> (welche seit Jahren bereits wieder eingegangen ist) und auch <i>Gianni<\/i> war ein Mitglied derselben und trat in ihr flei\u00dfig als Improvisatore auf. Der Beifall, den er sich hier ersang, und das lebhafte Gef\u00fchl der Schranken, in welchen die Unwissenheit seinen Geist noch gefesselt hielt, spornten ihn, diese Fesseln, die er l\u00e4nger zu tragen mit Recht f\u00fcr schimpflich hielt, zu zerbrechen und vor allen die Regeln der vaterl\u00e4ndischen Poesie zu studiren, von welchen er bis dahin noch keine deutlichen Begriffe gehabt hatte, und deshalb auch noch keinen richtigen Vers machen konnte, nachdem er schon lange improvisirt hatte. Er \u00fcbte sich in Gesellschaft einiger Freunde, unter der Anleitung eubes Gelehrten, eine [59] Zeitlang in dieser Kunst, und der gl\u00fcckliche Erfolg seines Studiums, worin er seine Gef\u00e4hrten schnell zur\u00fccklie\u00df, sein immer leidenschaftlicherer Trieb zur Poesie und die immer st\u00e4rkere Abneigung von jeder anderen Besch\u00e4ftigung erzeugten in ihm den Entschlu\u00df, sich dieser Kunst g\u00e4nzlich zu widmen. Nach dem eifrigen Studium einiger Jahre, unter unaufh\u00f6rlicher \u00dcbung, f\u00fchlte <i>Gianni<\/i> sich stark genug, \u00f6ffentlich als Improvisatore aufzutreten. Was ihm noch an wissenschaftlicher Bildung mangelte, die nur die Frucht einer weitl\u00e4ufigen Belesenheit ist, ersetzte sein Genie und der gewaltige <i>estro<\/i>, durch welchen er alle Zuh\u00f6rer, gelehrte wie ungelehrte, unwiderstehlich mit sich fortri\u00df; denn schwerlich hat je ein Improvisatore die Gabe sich au\u00dfer sich selbst zu setzen und angeweht von dem Hauche des Delfischen Gottes, mit Vernunft und Geschmack zu rasen, in h\u00f6herem Grade besessen, als dieser Dichter. Der damals in Rom lebende Bildhauer <i>Ceracchi<\/i>, welcher vor einiger Zeit in Paris als Theilnehmer an einer Verschw\u00f6rung wider <i>Bonaparte<\/i> hingerichtet wurde, nahm den jungen <i>Gianni<\/i> als Lehrer seiner Kinder zu sich, und gab ihm auf einer Reise in Oberitalien Gelegenheit, in Florenz, Genua und Mailand als Improvisatore aufzutreten und allgemeinen Beifall zu \u00e4rndten. <i>Bonaparte<\/i> w\u00fcrdigte w\u00e4hrend seines gl\u00e4nzenden Feldzuges durch Italien im Jahr 1796 den feurigen Dichter, der, von dem Anblick dieses Helden [60] begeistert sich selbst \u00fcbertraf, seiner Aufmerksamkeit und seines besonderen Schutzes. Der Wirbel der Revoluzion, der seinen Freund <i>Ceracchi<\/i> in den Abgrund hinabri\u00df, trieb auch ihn eine Zeitlang umher, und er hat die schnell erlangte Vollkommenheit in seiner Kunst zum Theil dem Einflu\u00df der gro\u00dfen begeisternden Ideen zu verdanken, welche in dem letzten Jahrzehnt halb Europa in Enthusiasmus und die andere H\u00e4lfte in Erstaunen setzten und Thaten erzeugten, wie die Welt seit den Zeiten der R\u00f6mer keine mehr gesehen hatte, und die zum Theil unter des Dichters Augen geschahen. Seine feurige Mu\u00dfe \u00fcberlie\u00df sich ganz dem Enthusiasmus der Freiheit und schwelgte in den gro\u00dfen Gef\u00fchlen, die dieses Wort noch damals mit der Hofnung besserer Zeiten in jeder Menschenbrust weckte. Als die Franzosen durch das wechselnde Gl\u00fcck der Waffen aus Italien vertrieben wurden, fl\u00fcchtete er mit den auswandernden Patrioten nach Paris. Sp\u00e4terhin ist der Dichter wieder nach Oberitalien zur\u00fcckgekehrt. Dieser Improvisatore kann mehr als irgend ein anderer zur Widerlegung des Vorurtheiles dienen, da\u00df die extemporane Dichtkunst nicht f\u00e4hig sey, sich \u00fcber das Mittelm\u00e4\u00dfige zu erheben und etwas mit Vergn\u00fcgen Lesbares hervorzubringen. Es sind einige B\u00e4ndchen von <i>Gianni&#8217;s<\/i> improvisirten Gedichten auf Veranlassung seiner Freunde in Druck erschienen, von welchen der gr\u00f6\u00dfte Theil vielmehr das Gepr\u00e4ge einer in Mu\u00dfe [61] allm\u00e4hlig gereiften Vollendung, als des fl\u00fcchtigen Augenblicks ihrer Entstehung tr\u00e4gt. Wir w\u00fcrden gern eines derselben zum Beweise des Gesagten mittheilen, wenn die Ende des Raumes es erlaubte. Wir begn\u00fcgen uns deshalb, blos eine Octave anzuf\u00fchren, nicht sowohl zum Beweise von der Kunst des Dichters, als vielmehr, weil sie ein Portrait all&#8217;improviso des oben genannten Bildhauers <i>Ceracchi<\/i> enth\u00e4lt, der unter den jetztlebenden Bildhauern einer der vorz\u00fcglicheren, und einer der eifrigsten Bef\u00f6rderer der Demokratisirung Roms war. Das Portrait ist \u00fcbrigens so treffend, als man es von dem Miniaturgem\u00e4lde einer Octave verlangen kann.<\/p>\n<pre class=\"aei-poetry1\">\r\n<i>Picciol di membra; di sembianze altero;\r\nDardeggiante lo sguardo, il ciglio irsuto;\r\nLa guancua adusta ingombra di pel nero;\r\nAvvallate le labbia, e'l mento acuto;\r\nD'affetto caldo; di virt\u00f9 severo;\r\nIntrepido e facondo al par del Bruto;\r\nAnzi cotanto imitator di questo,\r\nChe dal trono balz\u00f2 l'ultimo Sesto.<\/i>\r\n<\/pre>\n<p>In dem Vorberichte der Herausgeber zu <i>Gianni&#8217;s<\/i> Gedichten finden sich die nachstehenden Gesetze verzeichnet, welche dieser Dichter f\u00fcr die Aus\u00fcbung seiner Kunst sich vorgeschrieben hat:  1) <i>Man improvisire oft und t\u00e4glich<\/i>: &mdash; denn dadurch wer- [62] den Wiederholung und Einf\u00f6rmigkeit vermieden.  2) <i>Man vermeide die langen Pausen in den \u00dcberg\u00e4ngen von einem Theile der Aufgabe zum andern<\/i>: &mdash; Zaudern entspringt aus \u00dcberlegung, und im \u00dcberlegen schwindet die Begeisterung.  3) <i>Man nehme jede ehrbare Aufgabe von jedem Mitgliede der Versammlung an<\/i>: &mdash; so wird man jedem Verdachte eines verabredeten Betruges ausweichen.  4) <i>Wenn der Inhalt des aufgegebenen Thema&#8217;s dem Dichter unbekannt ist, so lasse er sich denselben bekannt machen<\/i>: &mdash; das Reich des Wissens ist unermesslich; von dem Improvisatore ist nicht zu verlangen, da\u00df er Alles wisse, sondern da\u00df er jeden Gegenstand poetisch zu behandeln wisse.  5) <i>Die Versammlung bestimme das Sylbenmaa\u00df<\/i>: &mdash;  so wird die M\u00f6glichkeit und der Verdacht der Vorbereitung vermieden und die Geschicklichkeit oder Ungeschicklichkeit des K\u00fcnstlers in der metrischen Kunst sichtbar.  6) <i>Man vermeide alle unn\u00fctze Anrufungen, alle au\u00dferwesentliche Episoden, alle Gemeinpl\u00e4tze<\/i>: &mdash; denn sie zeugen von der poetischen Armuth des Dichters.  7) <i>Man lasse die Verse w\u00e4hrend des Improvisirens nachschreiben<\/i>: &mdash; das Auge ist ein unpartheiischerer Richter des poetischen Werthes als das Ohr.&quot;  &mdash; Eben das selbst geschieht eines Advokaten in Genua, Namens <i>Niccolo Ardizzoni<\/i>, Erw\u00e4hnung, welcher ein so [63] seltenes Ged\u00e4chtni\u00df hat, da\u00df er jedes Improviso von <i>Gianni<\/i>, so lang es auch seyn mochte, unmittelbar darauf w\u00f6rtlich wiederholen konnte, wie sich aus der Vergleichung mit dem Nachgeschriebenen ergab. Dieser G\u00fcnstling der Mnemosyne erinnert uns an einen andern Virtuosen \u00e4hnlicher Art, Namens <i>Faustino Gagliuffi<\/i> von <i>Ragusa<\/i>, welcher ehemals Lehrer der Redekunst am Kollegio der Piaristen in Rom, und nachher Mitglied des Tribunals der R\u00f6mischen Republik war. Dieser wiederholte mehr als einmal in der Akademie der Arkadier in Rom, wo die <i>Bandettini<\/i> \u00f6fter \u00fcber f\u00fcnf oder sechs Themata an einem Abende sang, unmittelbar nachher alle ihre Improvisi extempore in einer lateinischen \u00dcbersetzung im elegischen Sylbenmaa\u00dfe.<\/p>\n<p>Fernow.<\/p>\n<p>(der dritte und letzte Abschnitt folgt im Oktoberst\u00fccke)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Sie ist jetzt auf einer Reise nach Wien, Berlin, Hamburg u.s.w. begriffen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Notes:<\/strong><\/p>\n<div id=\"aei-blocktext\">\n<\/p><\/div>\n<dl id=\"aei-dl-meta-unimportant\">\n<dt>Collected by:<\/dt>\n<dd> EW<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fernow provides a detailed history of Italian improvisation, recounting that improvisation (in Latin) experienced a peak in popularity in the court of Pope Leo X, a lover of the art, and that in the course of the eighteenth century a renewal of popularity has brought improvisation to new heights, this time in Italian. 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