{"id":2787,"date":"2016-09-04T16:14:01","date_gmt":"2016-09-04T20:14:01","guid":{"rendered":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2787"},"modified":"2017-01-01T16:49:08","modified_gmt":"2017-01-01T21:49:08","slug":"karl-ludwig-fernow-die-improvisatoren-part-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=2787","title":{"rendered":"Karl Ludwig Fernow, &#8220;Die Improvisatoren&#8221; (Part 3)"},"content":{"rendered":"<div id=\"aei-root\" lang=\"en-GB\"><!-- suid=150 --><\/p>\n<dl id=\"aei-dl-meta\">\n<dt>Performer Name:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Performance Venue:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Performance Date:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">&nbsp;<\/dd>\n<dt>Author:<\/dt>\n<dd>Fernow, Karl Ludwig<\/dd>\n<dt>Date Written:<\/dt>\n<dd>1801<\/dd>\n<dt>Language:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">German<\/dd>\n<dt>Publication Title:<\/dt>\n<dd>Der neue Teutsche Merkur<\/dd>\n<dt>Article Title:<\/dt>\n<dd>Die Improvisatoren (Beschlu\u00df)<\/dd>\n<dt>Page Numbers:<\/dt>\n<dd>3:90-108<\/dd>\n<dt>Additional Info:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">October 1801 issue<\/dd>\n<dt>Publisher:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Place of Publication:<\/dt>\n<dd>Weimar<\/dd>\n<dt>Date Published:<\/dt>\n<dd>1801<\/dd>\n<\/dl>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Text:<\/strong><\/p>\n<blockquote id=\"aei-blockquote\" lang=\"de\">\n<p>[90] Die Improvisatoren<\/p>\n<p>(Beschlu\u00df)<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nDritte Abtheilung.<\/p>\n<p>Wie kommt es wohl, da\u00df, unter allen gebildeten Nazionen Europens, der Italiener allein die Dichtkunst <i>all&#8217;improviso<\/i> besitzt? Hat die Natur ihm ein ausschlie\u00dfendes Talent zu derselben verliehen? oder liegt die Disposizion dazu in seiner Sprache? oder hat er den ausschlie\u00dfenden Besitz dieser Kunst einer besonders auf sie gerichteten Kultur zu danken? und k\u00f6nnten nicht [91] auch andere Nazionen, z.B. die <i>teutsche<\/i>, durch eine \u00e4hnliche Kultur ihres poetischen Talents, sich diesen Vorzug zu eigen machen? Diese Fragen liegen so nahe, da\u00df sie sich jedem Leser l\u00e4ngst von selbst werden aufgedrungen haben; um so mehr, da sein Nazional-Interesse dabei in Anregung kommt, welches sich str\u00e4ubt, einer andern Nazion einen Vorzug zugestehn zu m\u00fcssen, welche, stolz auf den Besitz desselben, der seinigen mit dem Mangel dieses Vorzugs, leicht auch die F\u00e4higkeit ihn zu erwerben streitig machen k\u00f6nnte; denn wir sind gew\u00f6hnlich eifers\u00fcchtiger auf Vorz\u00fcge, welche Natur oder Zufall giebt, als auf solche, die wir durch eigenes Verdienst besitzen oder doch besitzen k\u00f6nnten. So gesteht der Italiener dem Teutschen gern den Vorzug einer gr\u00f6\u00dfern Ehrlichkeit zu, wenn dieser nur die Superiorit\u00e4t seines Talents in der Schlauheit anerkennt. &mdash; Aber jenes Str\u00e4uben ist nicht blos Vorliebe f\u00fcr unsere Nazion, sondern gr\u00fcndet sich in dem dunkeln Bewu\u00dftseyn, da\u00df die menschliche Natur in ihren <i>wesentlichen<\/i> Anlagen \u00fcberall dieselbe ist, und da\u00df das Talent zu den sch\u00f6nen K\u00fcnsten und vornehmlich zur Poesie, als eine wesentliche Anlage der Menschheit, sich durch Kultur bei allen Nazionen entwickelt. Daher werden wir, wenn man z.B. unserer Nazion den Mangel an Kunstsinn oder Geschmack vorwirft, zwar diesen Mangel zugestehn, aber nur, weil es uns an Gelegenheit fehlt, die Anlagen dazu zu entwickeln; diese An- [92] lagen selbst aber werden wir uns darum nicht abstreiten lassen; und wir haben darin nicht Unrecht. Aber wenn man uns nun einr\u00e4umt, da\u00df Kunstsinn, Kunsttalent und Geschmack, als wesentliche Anlagen der Menschheit in uns, allen Nazionen gemein sind, und da\u00df es nur g\u00fcnstiger \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde bedarf, um sie bei allen zu entwickeln, so m\u00fcssen wir doch bekennen, da\u00df manche Nazionen vorzugsweise eine gr\u00f6\u00dfere Disposition zu dieser oder jener Kunst zeigen, als andere. Dies ist besonders dann auffallend, wenn eine Kunst bei einer Nazion ausschlie\u00dflich bl\u00fchet, ohne durch einen besondern politischen oder religi\u00f6sen Zweck, oder durch Institute absichtlich unterst\u00fctzt zu werden; wenn sie gleichsam als ein nat\u00fcrliches Gew\u00e4chs im Garten der Natur wuchert und ohne andere Pflege als den freien Trieb des Talents und das freie Interesse der Nazion an ihrem Genusse, sich durch sich selbst erh\u00e4lt. So bl\u00fchet die extemporane Dichtkunst in Italien. Jede sich kultivirende Nazion hat ihre politische Epoche bereits gehabt, oder hat sie gegenw\u00e4rtig, oder wird sie noch haben, wo Dichter und Publikum, durch ein gemeinsames freies Interesse an dieser Kunst, sich wechselseitig in demselben ermuntern und best\u00e4rken; und so lange dieses Interesse rege bleibt, erh\u00e4lt die Kunst sich in ihrer Bl\u00fcthe. Die extemporane Dichtkunst hingegen gedeihet blos in Italien, wo sie seit dem Wiederaufleben der Kultur mehrere Jahrhunderte lang ununterbrochen fortgebl\u00fchet [93] hat. Wir m\u00fcssen hieraus den Schlu\u00df ziehen, da\u00df diese Nazion entweder mit einer besonderen Anlage zu dieser Art von Dichtkunst beg\u00fcnstigt sey, oder da\u00df sonst gewisse Bedingungen in ihr liegen, welche diese Dichtart beg\u00fcnstigen, und welche sich bei allen \u00fcbrigen kulrivirten Nazionen Europens nicht finden; denn weder der Drang des poetischen Talents, noch die dem Genie eigene Ruhmbegierde, noch der m\u00e4chtige Affekt der Liebe, noch der Nachahmungstrieb, haben bis jetzt in andern L\u00e4ndern Improvisatori hervorbringen k\u00f6nnen, obgleich einige derselben eben so gro\u00dfe, vielleicht gr\u00f6\u00dfere Dichter gehabt haben, als Italien.<\/p>\n<p>Man kann der Kunst <i>all&#8217; improviso<\/i> zu dichten eigentlich kein besonderes Talent, sondern nur eine besondere Modifikazion des allen gebildeten Nazionen gemeinsamen Dichtungstalents zum Grunde legen; und es ist nicht schwer, den Grund dieser Disposizion bei dem Italiener in seinen physischen Anlagen zu finden. Es ist eine alte Erfahrung, die sich dem ersten aus S\u00fcden nach Norden, oder aus Norden nach S\u00fcden Reisenden aufbringen mu\u00dfte, da\u00df die sinnlichen Anlagen und Kr\u00e4fte im Menschen, welche zusammengenommen seinen fysischen Karakter ausmachen, unter verschiedenen Himmelsrichtungen verschiedentlich modifizirt sind; da\u00df die Menschen im Allgemeinen mehr oder weniger reizbare Nerven, mehr oder minder geschmeidige Fibern, fl\u00fcssigere oder z\u00e4here S\u00e4fte haben, &mdash; [94] und da\u00df dem zufolge ihre Empfindung feiner oder stumpfer, ihre Einbildungskraft lebhafter oder tr\u00e4ger, ihre Affekte feuriger oder k\u00e4lter, &mdash; mit einem Worte, da\u00df sie sinnlichen Energieen ihrer Seelenkraft st\u00e4rker oder schw\u00e4cher sind, je nachdem sie in einem w\u00e4rmeren, gem\u00e4\u00dfigten oder k\u00e4lteren Klima leben. Die Wirkungen dieser Energieen m\u00fcssen also auch in demselben Verh\u00e4ltnisse leichter und lebhafter, oder tr\u00e4ger und m\u00fchsamer von statten gehen. Nun ist aber das Dichtungstalent nichts anders als eine sinnliche Energie, nehmlich die durch den Enthusiasmus f\u00fcr eine Idee zur Darstellung derselben begeisterte Einbildungskraft. Je reizbarer die Empfindlichkeit des Gem\u00fcths ist, je leichter und gl\u00fchender der Affekt der Begeisterung sich entz\u00fcndet, je lebhafter und m\u00e4chtiger er die Einbildungskraft in Schwung setzt, um so leichter und schneller wird auch die ge\u00fcbte, und mit dem Mechanismus der Darstellung vertraute Dichtkraft ihr Werk vollenden, wenn sie durch keine \u00e4u\u00dferen Hindernisse, wie z.B. das einer ungeschmeidigen Sprache, in ihrem freien Schwunge gehemmt wird.<\/p>\n<p>Wir haben schon oben das wesentliche Merkmal kurz ber\u00fchrt, wodurch das Talent des Improvisatore sich von dem gew\u00f6hnlichen Dichtertalent unterscheidet. Es besteht in der nat\u00fcrlichen Disposizion des Dichters, sich leicht durch jedes, der poetischen Darstellung [95] f\u00e4hige Objekt in den Zustand des Gem\u00fcths versetzen zu lassen, wo die Seele von dem, ihr in der hellesten Klarheit vorschwebenden Gegenstande ganz erf\u00fcllt, sich selbst und alles au\u00dfer demselben vergisst, w\u00e4hrend der lebhafteste Enthusiasmus die Einbildungskraft und die ihr untergeordneten Kr\u00e4fte des Ged\u00e4chtnisses und der Darstellung in solchen Schwung setzt, da\u00df ihre Wirkungen mit unbegreiflicher Schnelligkeit, und ohne da\u00df sie selbst sich derselben deutlich bewusst ist, ohne alle Anstrengung des Verstandes auf der Stelle erfolgen. Der feurigste Enthusiasmus und die klarste Besonnenheit erheben und leiten die Einbildungskraft des Dichters in ihrem freiesten Schwunge. Ohne diesen Zustand poetischer Begeisterung oder Verz\u00fcckung, die wir schon aus der Schilderung des <i>Bettinelli<\/i> kennen, und den der Italiener <i>estro<\/i> nennt, giebt es eben so wenig einen \u00e4chten Improvisatore, als es, ohne eine sch\u00f6pferische Einbildungskraft, einen wahren Dichter giebt, und selbst dem gr\u00f6\u00dften derselben versagt zuweilen seine Kunst, wenn dieser Zustand sich nicht einfindet, oder wenn er ihn vor der Zeit verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Diese besondere Disposizion zur dichterischen Begeisterung in dem Grade, wie wir sie hier beschrieben haben, welche das Talent zur extemporanen Dichtkunst begr\u00fcndet, scheint dem Italiener mehr als den \u00fcbrigen Nazionen Europens eigen zu seyn. Dadurch [96] wird jedoch keineswegs behauptet, da\u00df diese Disposizion sich bei den letztern gar nicht finde, sondern nur, da\u00df sie bei jenem h\u00e4ufiger angetroffen werde, weil die fysischen Anlagen seiner Nazion sie beg\u00fcnstigen, und da\u00df darum der Italiener im Allgemeinen mehr Talent zu dieser Kunst besitze, als irgend eine andere Nazion Europens.<\/p>\n<p>Behauptungen dieser Art k\u00f6nnen ihrer Natur nach immer nur hypothetisch seyn; denn darum da\u00df eine Anlage sich nicht \u00e4u\u00dfert, hat man noch keineswegs das Recht zu folgern, da\u00df sie gar nicht vorhanden sey; oft fehlt es nur an den \u00e4u\u00dferen Bedingungen ihrer Entwicklung. Und was die vorz\u00fcgliche Beg\u00fcnstigung des Italieners durch seine fysischen Anlagen betrifft, so l\u00e4sst sich diese nur in Vergleichung desselben mit den Nazionen des n\u00f6rdlichen Europa behaupten; hingegen ist kein fysischer Grund vorhanden, dieselbe Beg\u00fcnstigung, mithin auch dieselbe Anlage den Nazionen des s\u00fcdlichen Europa, die mit dem Italiener unter einerlei Himmelstriche leben, z.B. dem S\u00fcdfranzosen, Spanier und Portugiesen abzusprechen. Und bl\u00fchte nicht wirklich diese Kunst schon fr\u00fcher als in Italien im s\u00fcdlichen Frankreich und in den n\u00f6rdlichen Provinzen Spaniens, von wo sie im dreizehnten Jahrhunderte zugleich mit der poetischen Kultur nach Italien hin\u00fcberwanderte*?<\/p>\n<p>[97] Aber auch die gl\u00fccklichste Anlage wird umsonst vorhanden seyn, wenn die Sprache, worin der Dichter seine Ideen darstellen will, nicht die in ihr \u00fcblichen poetischen Formen mit solcher Leichtigkeit annimmt, da\u00df er mit der geh\u00f6rigen mechanischen Fertigkeit, welche die Aus\u00fcbung seiner Kunst erfordert, w\u00e4hrend des Dichtens die Regeln derselben ohne Schwierigkeit beobachten kann. Hier hat nun der Italiener in der seinigen die entschiedensten Vortheile; und wenn man ihm auch, aller Erfahrung zuwider, den Besitz jener Anlage in vorz\u00fcglichem Grade abstreiten wollte, so w\u00fcrde man ihm doch die gro\u00dfen Vorz\u00fcge nicht abl\u00e4ugnen k\u00f6nnen, welche seine Sprache nicht sowohl durch ihren Wohlklang, worauf es hier weniger ankommt, als vielmehr durch die gl\u00fcckliche Geschmeidigkeit, womit sie alle poetischen Formen annimmt, \u00fcber alle anderen neueren Sprachen hat; und vielleicht w\u00fcrde man nicht zu viel wagen, wenn man behauptet, da\u00df mit einer der Poesie so g\u00fcnstigen Sprache, als die Italienische ist, jede Nazion Improvisatori haben w\u00fcrde. <\/p>\n<p>[98] Eine Sprache ist der Poesie g\u00fcnstig, wenn sie dem Dichter viele Freiheiten gestattet, wenn sie sich leicht in jedes Silbenmaa\u00df f\u00fcgt, und wenn der Reim in ihr so wenig Schwierigkeiten als m\u00f6glich macht. Diese Vorz\u00fcge besitzt keine andere Sprache in so hohem Grade als die italienische; und sie liegen theils in dem Wesen und Bau der Sprache selbst, theils in den Regeln ihrer Versifikazion. Sie besitzt in der Wortf\u00fcgung sowohl, als auch in der Ver\u00e4nderung, die sie durch Zusammenziehung und Verk\u00fcrzung an ihren W\u00f6rtern selbst machen kann, weit mehr Freiheiten, als die teutsche Sprache, welche sonst in der Freiheit der Inversion alle anderen Sprachen \u00fcbertrifft. Bei dem Versbau der italienischen Poesie wird nicht, wie im teutschen, auf die L\u00e4nge und K\u00fcrze der Sylben, sondern blos auf die Zahl derselben R\u00fccksicht genommen. Zur Bildung eines Verses ist es genug, wenn gewisse in den Regeln der italienischen Poesie bestimmte Sylben den Tonfall haben. \u00dcberdies wird der italienische Versbau noch durch die Elision erleichtert, welcher zufolge mehrere Vokalsylben f\u00fcr eine gez\u00e4hlt werden, wodurch der Vers zugleich eine sch\u00f6ne Mannigfaltigkeit und F\u00fclle erh\u00e4lt. Endlich ist in keiner Sprache das Reimen so leicht, als in der italienischen, da in ihr alle W\u00f6rter auf Vokal-Endungen ausgehen, und die meisten W\u00f6rter den Accent auf der vorletzten oder vorvorletzten Sylbe haben, wodurch nat\u00fcrlich eine weit gr\u00f6\u00dfere Menge \u00fcber- [99] einstimmender Reime entsteht, als in den Sprachen, welche reich an Konsonant-Endungen sind. Diese gro\u00dfe Leichtigkeit der Versifikation und des Reimes ist die Ursache, da\u00df die italienische Sprache so au\u00dferordentlich reich an Gedichten von gro\u00dfem Umfange in <i>ottave rime<\/i> und an Sonetten ist, also gerade in zwei Versarten, welche in unserer Sprache, wegen des drei- und viermal wiederkehrenden Reimes die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten haben. Wahrscheinlich hat es dem Dichter unserer Nazion, welcher, vor allen andern, Versbau und Reim mit der reizendsten Leichtigkeit zu behandeln wei\u00df, mehr Zeit und M\u00fche gekostet, die zw\u00f6lf Ges\u00e4nge seines <i>Oberon<\/i> zu versifiziren, als dem <i>Bernardo Tasso<\/i> die <i>hundert<\/i> Ges\u00e4nge seines <i>Amadis<\/i>; und noch weit mehr w\u00fcrden sie ihm gekostet haben, h\u00e4tte er, wie dieser, sein Gedicht in reinen <i>ottave rime<\/i> verfertigen wollen. Und welcher teutsche Dichter w\u00fcrde ein Gedicht wie die <i>secchia rapita<\/i> des <i>Tassoni<\/i> in zwei Monaten verfertigen, wenn auch blos das Mechanische einer solchen Arbeit in Anschlag gebracht wird? Wenn man nun zu allen diesen Vortheilen noch den, gewi\u00df nicht unbedeutenden Vorzug einer seit mehreren Jahrhunderten ununterbrochen fortdauernden poetischen Kultur der italienischen Sprache f\u00fcgt, so l\u00e4sst sich gar wohl begreifen, wie die extemporane Dichtkunst, welche in anderen Sprachen nie zu \u00fcberwindende Schwierigkeiten findet, in jener so leicht ist, [100] ohne da\u00df man n\u00f6thig h\u00e4tte, zur Erkl\u00e4rung dieses blendenden F\u00e4nomens, ein dem Italiener ausschlie\u00dfend eigenes Talent zu dieser Kunst anzunehmen. <\/p>\n<p>Die Zeiten sind vor\u00fcber, wo sch\u00f6ne Geister anderer Nazionen, auf die goldnen Zeitalter der ihrigen stolz, f\u00fcr unm\u00f6glich hielten, da\u00df der Teutsche Werke des Geschmacks hervorbringen k\u00f6nne. <i>Ge\u00dfner<\/i> und <i>Wieland<\/i> haben den Ausl\u00e4ndern den Geschmack, &mdash; so wie <i>G\u00f6the<\/i> und <i>B\u00fcrger<\/i> die Originalit\u00e4t des teutschen Dichtergenius, durch die That bewiesen, w\u00e4hrend <i>Klopstock<\/i> und <i>Vo\u00df<\/i> die gro\u00dfen Vorz\u00fcge, welche unsere Sprache, in der F\u00e4higkeit die Sylbenmaa\u00dfe der Alten nachzubilden vor allen neueren Sprachen besitzt, und ihre gro\u00dfe poetische Kraft in klassischen Werken dargelegt haben; und die teutsche sch\u00f6ne Literatur beginnt nun denselben Ausl\u00e4ndern achtungsw\u00fcrdig zu werden, welche noch vor kurzem ihre M\u00f6glichkeit bezweifelten. Aber die teutsche Sprache bleibt dessen ungeachtet, auch wenn ein <i>G\u00f6the<\/i> und <i>Wieland<\/i> sie mit allen Grazien ihres Genie&#8217;s schm\u00fccken, nach dem eigenen Gest\u00e4ndnisse dieser Meister in der Kunst, ein undankbarer, ungeschmeidiger Stoff, und sie ist ihrer Natur nach unf\u00e4hig, sich in den Fesseln des Sylbenmaa\u00dfes und des Reimes, welche f\u00fcr die italienische nur leichte, gef\u00e4llige Blumenketten sind, mit gleicher Leichtigkeit wie diese, zu bewegen. Man darf in R\u00fccksicht auf Versbau und [101] Reim nur eine fl\u00fcchtige Vergleichung zwischen beiden Sprachen anstellen, um \u00fcberzeugt zu werden, da\u00df <i>Apollo<\/i> selbst, wenn er auch in t\u00f6nender R\u00fcstung vom Olymp herabstiege, um in teutschen Reimversen zu improvisiren, bald an der gl\u00fccklichen Ausf\u00fchrung dieses Unternehmens verzweifeln w\u00fcrde. Um die Aus\u00fcbung dieser Kunst in teutscher Sprache m\u00f6glich zu machen, m\u00fcsste der Dichter die Fesseln des Reimes v\u00f6llig abwerfen und das freieste unter allen Sylbenmaa\u00dfen w\u00e4hlen, dasselbe worin Griechen und Lateiner diese Kunst trieben, und worin auch die neueren Italiener zu Papst <i>Leo&#8217;s<\/i> Zeiten h\u00e4ufig in lateinischer Sprache improvisirten.<\/p>\n<p>Wenn nun, wie wir gezeigt haben, die italienische Sprache der Boden ist, in welchem dieses Kunstgew\u00e4chs vor allen andern gedeihet, so kann man die in diesem Lande herrschende, mangelhafte und verkehrte Erziehungsweise des gebildeten Theiles dieser Nazion als den D\u00fcnger betrachten, der die nat\u00fcrliche G\u00fcte des Bodens noch ergiebiger macht. In einem Lande, dessen Bewohner zu gebildet sind, um nicht das Bed\u00fcrfni\u00df der edleren Freuden des Geistes lebhaft zu f\u00fchlen, wo aber seit langen Jahrhunderten der freie Gebrauch der Vernunft in ihrer eigenen Angelegenheit ein Religionsverbrechen ist; wo Denkertalent und Scharfsinn nur dann ihr Gl\u00fcck machen, wenn sie neue Sofismen erfinden, um das k\u00fcnstliche [102] System der Schl\u00fcsselpolitik aufrecht zu erhalten, und die heilige Nacht des Volksaberglaubens dem Lichte der Aufkl\u00e4rung wo m\u00f6glich f\u00fcr immer unzug\u00e4nglich zu machen; wo also wahre wissenschaftliche Kultur, und das nothwendige Produkt derselben, wahre Aufkl\u00e4rung, nie gedeihen kann, weil die erste Bedingung derselben, freies Forschen und Denken \u00fcber das, was vor allem das Wissensw\u00fcrdigste ist, und worin alle Wissenschaften sich, wie Stralen in einen gemeinschaftlichen Brennpunkt vereinigen, nicht statt findet; &mdash; in diesem Lande ist die Poesie ein vortrefflicher Ableiter f\u00fcr den immer regen Trieb der Seele nach Besch\u00e4ftigung; durch sie wird der Enthusiasmus der edelsten Geister, welcher unter Leitung der Vernunft, mit seiner reinen Glut die Idee der Wahrheit umfangen und bis zu ihrer Grundquelle verfolgen w\u00fcrde, fr\u00fche in das Zauberland der Dichtung gelockt, um in unsch\u00e4dlichen Aufwallungen der poetischen Begeisterung zu verlodern, welche, indem sie die Einbildungskraft in immerw\u00e4hrender spielender Th\u00e4tigkeit erhalten, unvermerkt entnerven und in jene woll\u00fcstige Indolenz einwiegen, in welcher dann f\u00fcr das Wohl der Menschheit nichts mehr von ihr zu hoffen oder zu f\u00fcrchten ist. &mdash; So sehen wir, wie nat\u00fcrliche Anlage, Sprache und Erziehung bei der italienischen Nazion vereint wirken, um eine Kunst zur Erscheinung zu bringen, welche, wenn sie von \u00e4chten K\u00fcnstlern in dem Grade von Vollkommenheit getrieben wird, den wir bei ei- [103] nigen wenigen gefunden haben, als die h\u00f6chste Bl\u00fcthe der sinnlichen Energie, als das gl\u00e4nzendste F\u00e4nomen der Geisteskraft anzusehen ist.<\/p>\n<p>Rom, im Mai 1801.<\/p>\n<p>Fernow.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Ein teutscher Reisender, welcher eine Reise durch Spanien gemacht hat, versichert den Verfasser, da\u00df es auch heut zu Tage in Spanien nicht selten ist, Leute zu sehen, die aus dem Stegereif in Versen sprechen: aber nirgends fand er dieses Talent  so wie in Italien zur Kunst ausgebildet. Dort ist&#8217;s eine wildwuchernde Pflanze, deren Fr\u00fcchte wahrscheinlich auch nicht sehr schmackhaft sind. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachschrift<\/p>\n<p>Das <i.Improvisiren<\/i> verdient \u00fcberhaupt noch eine tiefereindringende, Alterthumskunde mit Psychologie im engsten Bund verkn\u00fcpfende historische Untersuchung, die vielleicht als Beilage zu einer Hauptstelle eines alten Klassikers am schicklichsten erscheinen k\u00f6nnte, da die f\u00fcr die Kritik der \u00e4ltesten hebr\u00e4ischen und griechischen Schriftdenkm\u00e4ler so wichtige und neuerlich so lebhaft in Anregung gebrachte Streitfrage \u00fcber S\u00e4nger- und A\u00f6denschulen aufs genauste  damit zusammenh\u00e4ngt. Ich w\u00fcrde den Ion des Plato dazu vorschlagen, wo die vier Arten der dort beschriebenen Begeisterung bei weitem noch nicht genug getrennt und gepr\u00fcft sind. Auch hat die M\u00fcllersche Ausgabe der Kritik noch Manches \u00fcbrig gelassen. Reisebeschreibungen w\u00fcrden mit vielem Nutzen dabei gebraucht werden k\u00f6nnen. Denn die Sache findet sich auf einer gewissen Stufe der Halbkultur \u00fcberall auf dem Erdboden. [104] So fand sie <i>Forster<\/i> auf den S\u00fcdseeinseln.** Immer bleiben aber die italienischen Improvisatoren die vorz\u00fcglichsten. Dann kommen die spanischen, wovon uns <i>Baretti<\/i> so viel zu erz\u00e4hlen wei\u00df. Unsere ehrlichen <i>Veit Webers<\/i> und N\u00fcrnberger Meistersinger werden sich freilich auch hier nur des hintersten Platzes bescheiden m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Unter den vielen Nachrichten von der italienischen Improvisatorkunst d\u00fcrften die in diesen Bl\u00e4ttern mitgetheilten von Hrn. <i>Fernow<\/i> in Rom, leicht die gr\u00fcndlichsten und anziehendsten seyn, und die Leser des T. Merkurs werden ihm gewi\u00df auch daf\u00fcr Dank wissen. Von einem so wohl unterrichteten und seine Beobachtungen so lichtvoll ordnenden Mann m\u00fc\u00dfte eine Geschichte der italienischen Sprache und Literatur sehr befriedigend ausfallen. Ich freue mich daher, aus einem seiner Briefe eine Stelle ausheben zu k\u00f6nnen, die uns die Erf\u00fcllung dieses Wunsches, wenigstens Theilweise, recht bald hoffen l\u00e4\u00dft. Hier sind seine eigenen Worte:<\/p>\n<p>&quot;Ich hatte w\u00e4hrend der ersten drei bis vier Jahre meines Aufenthalts in Rom, wo interessantere Ge- [105] genst\u00e4nde, und mein Hauptzweck, das Studium der Kunst, meine ganze Aufmerksamkeit fesselten, der italienischen Sprache kein besonderes Studium gewidmet, sondern mich blos mit dem begn\u00fcgt, was sich durch Zeit und Umst\u00e4nde von selbst lernte und hinreichte, die klassischen Schriftsteller dieser Nazion zu verstehen und mich den Eingebornen zur Nothdurft verst\u00e4ndlich machen zu k\u00f6nnen. Indessen ver\u00e4nderten sich die Zeitumst\u00e4nde dergestalt, da\u00df Rom in gewisser R\u00fccksicht nicht mehr Rom blieb; der ruhige Fortgang meines ohnehin fast beendigten Kunststudiums wurde gest\u00f6rt, und dieses Studium selbst mir dadurch auf eine Zeitlang verleidet, so da\u00df ich mich nach einer andern Geistesbesch\u00e4ftigung umsehen musste, um mir den verl\u00e4ngerten Aufenthalt in Italien interessant und n\u00fctzlich zu machen. Das Studium der italienischen Sprache bekam nun neue Reize f\u00fcr mich, und ich entschlo\u00df mich, demselben die \u00fcbrige f\u00fcr meinen Aufenthalt in Italien bestimmte Zeit zu widmen. Allein kaum hatte ich die ersten Schritte in diesem mir nicht mehr ganz fremden Gebiet gethan, als ich schon das dringende Bed\u00fcrfni\u00df einer gr\u00fcndlichen, vollst\u00e4ndigen, filosofischen Sprachlehre f\u00fchlte; denn ich mu\u00dfte oft acht bis zehn B\u00fccher dieser Art nachschlagen, ehe ich fand, was ich suchte, und nicht selten, wenn ich tiefer forschen wollte, lie\u00dfen mich alle unbefriedigt. Ich sah bald, da\u00df unter den zahlreichen Grammatikern dieser gebildetsten unter allen neueren [106] Sprachen kein einziger, selbst den umst\u00e4ndlichen <i>Buonmattei<\/i> nicht ausgenommen, seinen Gegenstand filosofisch behandelt hat, und die sonst sehr unvollst\u00e4ndige italienische Sprachlehre des verstorbenen <i>Moritz<\/i> giebt \u00fcber einige Materien mehr Licht, als alle italienischen Grammatiken zusammen, weil er die Sprache mit einem filosofischen Blick angesehen hat. In Syntax lassen die italienischen Grammatiker den Forschenden v\u00f6llig im Stiche, weil sie diesen Theil der Sprachlehre gew\u00f6hnlich ganz und gar nicht ber\u00fchrt haben. Mir blieb also, bei allen vorhandenen H\u00fclfsmitteln, noch genug eigene Arbeit \u00fcbrig.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Nachdem ich mich endlich in Jahresfrist durch die\u00df Labyrinth einmal ziemlich gl\u00fccklich hindurch gewunden und eine gro\u00dfe Menge selbst gemachter grammatikalischer Studien angeh\u00e4uft hatte, kam mir der Gedanke, da\u00df es jedem andern, der, wie ich, diese Sprache gr\u00fcndlich studieren m\u00f6chte, aber nicht, so wie ich, alle H\u00fclfsmittel dazu und das wichtigste unter allen, den Aufenthalt im Lande selbst und den Rath sachverst\u00e4ndiger italienischer Gelehrten, zu benutzen Gelegenheit h\u00e4tte, seine M\u00fche au\u00dferordentlich erleichtern w\u00fcrde, wenn ich im Stande w\u00e4re, eine Sprachlehre auszuarbeiten, die jene Eigenschaften, welche ich bei meinem Studium an den vorhandenen Werken dieser Art vorz\u00fcglich vermi\u00dfte, filosofische Gr\u00fcndlichkeit und m\u00f6glichste Vollst\u00e4ndigkeit, in solchem Maa\u00dfe [107] in sich vereinigte, da\u00df es sich der M\u00fche verlohnte, die nicht kleine Zahl der schon vorhandenen Sprachlehren mit einer neuen zu vermehren. Ich schritt aufs neue mit allem Eifer zum Werke, begann die zuerst mit vieler M\u00fche durchlaufene Bahn von neuem, und bin nun nach einer beharrlichen Arbeit von etwa zwei Jahren, die nur selten auf kurze Zeit unterbrochen worden, so weit damit fortger\u00fcckt, da\u00df ich seiner nahen Beendigung w\u00e4hrend dieses Sommers entgegen sehe. Dieses Werk wird, nach dem mir dabei vorgesetzten Zwecke, keine Sprachlehre f\u00fcr Anf\u00e4nger seyn, sondern vielmehr f\u00fcr die, welche tiefer in den Geist der Sprache einzudringen, und sie sowohl ihrem ganzen Umfange, als ihrem innern Wesen nach, gr\u00fcndlich und genau zu kennen w\u00fcnschen. Ich zweifle auch, da\u00df beide Zwecke sich in einem und demselben Werke vereinigen lassen.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Bei der Ausarbeitung meiner Sprachlehre habe ich keines der H\u00fclfsmittel, die mir die Arbeiten meiner Vorg\u00e4nger darboten, unbenutzt gelassen, um demselben die m\u00f6glichste Vollst\u00e4ndigkeit und Richtigkeit zu geben, und nie hat eine Schwierigkeit mich abgeschreckt, da einzudringen und selbst Bahn zu brechen, wo noch kein Vorg\u00e4nger einen Pfad geebnet hatte; eben so wenig hat die Furcht, ein zu volumin\u00f6ses Buch zu liefern, mich abhalten k\u00f6nnen, so ausf\u00fchrlich zu seyn, als der Gegenstand und die Vollst\u00e4n- [108] digkeit des Werks erfoderten. Meine Sprachlehre ist daher freilich st\u00e4rker geworden, als B\u00fccher dieser Art gew\u00f6hnlich sind; so z.B. ist der Abschnitt vom Verbe, als dem wichtigsten unter allen Redetheilen, allein st\u00e4rker als des <i>Moritz<\/i> ganze Sprachlehre; indessen ist das Ganze doch nicht viel st\u00e4rker als etwa der erste Theil des <i>Adelung<\/i>schen Lehrgeb\u00e4udes der teutschen Sprache. Ich w\u00fcrde es demnach der Bequemlichkeit wegen in zwei B\u00e4nde von ungef\u00e4hr gleicher Gr\u00f6\u00dfe theilen, wovon der erste die Erkl\u00e4rung der Redetheile, der zweite die Wortf\u00fcgung, die Rechtschreibung und als einen au\u00dferwesentlichen, aber f\u00fcr den Teutschen sehr n\u00f6thigen Anhang, die Regeln der italienischen Poesie enthalten w\u00fcrde.&quot;<\/p>\n<p>So weit Hr. Fernow. Er kannte die Sprachlehren des Hrn. <i>Jagemann<\/i> nicht, die gewi\u00df bei aller ihrer K\u00fcrze manchen bisher noch unerf\u00fcllten Wunsch v\u00f6llig befriedigten. Ihm ist es aber um ausf\u00fchrliche Vollst\u00e4ndigkeit zu thun, und da ist dem filosofischen Sprachforscher, wie Hr, Fernow gewi\u00df ist, noch ein weites Feld offen. <\/p>\n<p>B. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>** S.  <i>G.L.Forsters Bemerkungen auf seinen Reisen um die Welt.<\/i> S. 403.406.458.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Notes:<\/strong><\/p>\n<div id=\"aei-blocktext\">\n<\/p><\/div>\n<dl id=\"aei-dl-meta-unimportant\">\n<dt>Collected by:<\/dt>\n<dd> EW<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In the third and final instalment of his well-known, serially published essay on Italian improvisation, Fernow discusses the suitability of the Italian language to improvisation, in comparison to German. He concludes that Italian has intrinsic advantages for extempore composition. 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