{"id":562,"date":"2016-05-13T19:17:53","date_gmt":"2016-05-13T23:17:53","guid":{"rendered":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=562"},"modified":"2016-08-23T19:31:34","modified_gmt":"2016-08-23T23:31:34","slug":"suid151","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=562","title":{"rendered":"Wilhelm Waiblinger, &#8220;La donna ambiziosa&#8221;"},"content":{"rendered":"<div id=\"aei-root\" lang=\"en-GB\"><!-- suid=151 --><\/p>\n<dl id=\"aei-dl-meta\">\n<dt>Performer Name:<\/dt>\n<dd>Taddei; Sgricci<\/dd>\n<dt>Performance Venue:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Performance Date:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">&nbsp;<\/dd>\n<dt>Author:<\/dt>\n<dd> Waiblinger, Wilhelm<\/dd>\n<dt>Date Written:<\/dt>\n<dd> 1829<\/dd>\n<dt>Language:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\"> German<\/dd>\n<dt>Publication Title:<\/dt>\n<dd> La donna ambiziosa<\/dd>\n<dt>Article Title:<\/dt>\n<dd> &nbsp;<\/dd>\n<dt>Page Numbers:<\/dt>\n<dd>4:130-37<\/dd>\n<dt>Additional Info:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">Qtd from <i>Wilhelm Waiblinger Werke und Briefe<\/i>, Ed. Hans K\u00f6niger<\/dd>\n<dt>Publisher:<\/dt>\n<dd>J. G. Cotta&#8217;sche Buchhandlung Nachfolger<\/dd>\n<dt>Place of Publication:<\/dt>\n<dd> Stuttgart<\/dd>\n<dt>Date Published:<\/dt>\n<dd> 1981<\/dd>\n<\/dl>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Text:<\/strong><\/p>\n<blockquote id=\"aei-blockquote\"  lang=\"de\">\n<p>[130] LA DONNA AMBIZIOSA<\/p>\n<p>Wir Deutsche halten insgeheim eben keine gro\u00dfen St\u00fccke auf den italischen Aristophanes, wie Goldoni hier genannt ist, und haben im Ganzen nicht Unrecht. Gern f\u00fchrt uns aber unser kritischer Transalpinismus zu weit, und wir tadeln Dinge, die wir nicht im Mindesten verstehen. Nirgends widerf\u00e4hrt uns dieser Irrtum leichter, als wenn wir ein fremdes Land beurteilen wollen, von dem wir die geographische Karte kennen, etwa ein Dutzend Reisebeschreibungen gelesen, und das wir, wenn\u2019s hoch geht, mit dem Vetturin in einigen Monaten bereist haben. Im wie viel mehr laufen wir aber Gefahr, wenn wir gar einen Autor zu bekritteln haben, der uns g\u2019rade die Sitten seines Landes bald in dieser, bald in jener Form beschreibt. So kann ich selbst nicht leugnen, da\u00df mir die Goldonischen Rosauren gar zu naiv von Liebe und Heirat plauderten, und die Donna ambiziosa mir fast eine Karikatur deuchte, eh\u2019 ich die Italiener genauer kannte. H\u00e4tte ich nicht schon so oft erfahren, wie unklug es ist, seine Geheimnisse auszuschwatzen, so k\u00f6nnte ich Ihnen aber, mein Freund, mehr als Ein Beispiel aus eig\u2019ner Erfahrung mitteilen, wie fertig und schnell eine Italienerin uns Cascamorti f\u00fcr Werber h\u00e4lt, und ehe wir auch noch Gelegenheit gehabt, unsere platonische Liebe in einem Sonett auszusprechen, schon jene f\u00fcr unsere Liebesgef\u00fchle so abschreckende Frage macht, ob wir sie denn heiraten wollen, wenn sie uns etwa nicht gar den Herrn Papa, oder die Tante, oder den Abate auf den Hals schickt. Was aber die &quot;Donna di maneggio&quot; anbetrifft, so kann ich Ihnen ein Weiteres sagen, und es mag Ihnen zum Beweise dienen, wie gut Goldoni seine Welt kannte, und wie viele lebendige Originale seine Charaktere im Leben haben. <\/p>\n<p>Mein Freund, der Improvvisatore C\u2026, ein junger, sch\u00f6ner und kr\u00e4ftiger Italiener, hat mir schon oft und viel von der Marchesin G\u2026 B\u2026 E\u2026 gesagt, und mir auch eine \u00fcberaus sublime Ode gebracht, worin er die vornehme Dame in alle Himmel erhebt, ihre Sch\u00f6nheit, ihre Talente, ihre Sensibilit\u00e4t, ihren poetischen Geist preist, der mit seinen holdseligen Liedern selbst die Grazien versch\u00f6nere, und dem gedruckten Gedicht auch einige Strophen beif\u00fcgt, welche der spiritu\u00f6sen Dichterin bei\u2019m Abschied von ihrem Landgut entfallen. Und was geschieht? Eines Morgens kommt er [131] zu mir, und bittet mich, der Marchesin eine Visite zu machen, indem er hinzuf\u00fcgt, da\u00df ich erwartet werde, und da\u00df sie einen deutschen Dichter kennen lernen wolle. <\/p>\n<p>Hier ist also kein Entwischen m\u00f6glich, und man wandert nach Ave Maria in den Palast uns\u2019rer Aspasia. Schon unterwegs sagt mir C\u2026, da\u00df ich Komplimente keineswegs zu sparen habe, und da\u00df ich besonders das poetische Talent unserer ehrgeizigen Dame hervorheben m\u00f6ge. Also man l\u00e4utet an der T\u00fcre des Vorsaals, der Bediente \u00f6ffnet, man wird in den Gesellschaftssaal gef\u00fchrt, und wartet einige Zeit. Pl\u00f6tzlich st\u00fcrzt eine Dame aus der T\u00fcre, und ich glaube eine Theaterprinzessin zu sehen. Ein \u00fcberaus voller \u00fcppiger Wuchs, die Haltung der K\u00f6nigin Elisabeth, Federn und B\u00e4nder in den prachtvoll aufgelockten Haaren, goldene Ketten, Uhren, Halsgeschmeide, Armb\u00e4nder, alles von Gold, und nun gar die f\u00fcrstliche Verbeugung, der schmeichelhafte Empfang, die artigen Worte, die sie mir sagt, und die ich mit Schamr\u00f6te erwidere, ist das nicht zuviel auf einmal f\u00fcr einen Menschen, der am Ende doch nur f\u00fcr einen Landgeistlichen erzogen worden, sich aber fr\u00fche schon unter Schauspielern daf\u00fcr verbildet hat? Und schon weist mir die Feenk\u00f6nigin auch einen Platz neben ihr auf dem Sofa an; ich lasse mich nieder, und nun erst sage ich: &quot;Wenn ich noch nicht verm\u00f6gend war, Ihnen auszusprechen, Madame, wie \u00fcbergl\u00fccklich ich bin, einer so hohen und unverdienten Gunst gew\u00fcrdigt zu werden, so schreiben Sie es nur dem \u00fcberraschenden Eindruck zu, den eine so seltene und erhabene Erscheinung auf meinen Geist gemacht. Wenn ich auch nicht den mindesten Zweifel in jene Strophen unsers C\u2026 setzte, worin er Italien das Lob seiner sch\u00f6nsten Frau verk\u00fcndet, so reicht doch selbst die Imagination auch eines Dichters nicht hin, sich ein Bild zu verschaffen, das nicht von der Wirklichkeit \u00fcbertroffen w\u00fcrde.&quot;<\/p>\n<p>Die Marchesin sieht mich wohlgef\u00e4llig an, und l\u00e4chelt h\u00f6chst gn\u00e4dig. &quot;Ich bin unserm C\u2026 dankbar&quot;, fahr\u2019 ich fort, &quot;da\u00df er mich mit dem zartesten Dichtertalent bekannt gemacht, das je eine Dame schm\u00fcckte, ich meine, indem er seiner Ode jene wunderlieblichen Strophen anh\u00e4ngte, worin Madame die Reize ihrer Villegiatura so unvergleichlich sch\u00f6n beschreibt, da\u00df ich mir dort die G\u00e4rten der Armide tr\u00e4ume.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Ach!&quot; versetzt die Marchesin, &quot;gewi\u00df ist meine Villa der holdseligste Landstrich auf der Erde, und C\u2026 hat ihn wahr beschrie- [132] ben. Wenn Neapel allerdings einen Vesuv vor ihr voraus hat, so f\u00fchl\u2019 ich mich doch in jenem Tumult einer halben Million zu sehr zerstreut, w\u00e4hrend ich in der l\u00e4ndlichen Einsamkeit meines Santelpidio, abgeschieden von dem L\u00e4rm und Rausch der St\u00e4dterwelt, im Genu\u00df der sch\u00f6nsten Natur und der frischesten Meeresluft, ungest\u00f6rt mir selbst, meinen Gedanken und Studien nachh\u00e4ngen kann. O, was ist nicht die Einsamkeit! Wie froh bin ich, mich aus dem Toben der Stra\u00dfen, aus Konversation und Theater in mein teures Landgut zu fl\u00fcchten! Nein, die Einsamkeit ist mir unerl\u00e4\u00dflich n\u00f6tig, ist das reinste Gl\u00fcck des Lebens! Pacifica! Pacifica! (Die Cameriera erscheint.) Ich gehe heut Abend zum gro\u00dfen Fest bei\u2019m spanischen Gro\u00dfbotschafter, Sie sind wohn auch eingeladen? es wird \u00fcberaus brilliant werden! Pacifica, nimm mir diese Uhr mit der goldenen Halskette ab, nicht wahr, ich habe sie nicht n\u00f6tig? Wozu auch mich damit beschweren? Mir gen\u00fcgt diese hier.&quot;<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicherweise hab\u2019 ich, der Dichter, mein Auge etwas zu stark auf die Reize des Lokals geheftet, von dem das Kammerm\u00e4dchen die Kette abnimmt, und die Marchesin mu\u00df zum zweitenmal sagen: &quot;Mir gen\u00fcgt diese hier &mdash; ist\u2019s nicht wahr?&quot; Nun erst bemerk\u2019 ich an dem goldnen Armband befestigte strahlende Uhr, welche mir Madame zeigt, und selbst \u00f6ffnet, und nun bin ich auch alsbald lauter Bewunderung. (Siehe Goldoni.) Bei dem allen aber denken Sie sich die Marchesin, eine wirklich sch\u00f6ne Frau von etwa drei\u00dfig Jahren, unbeweglich auf dem Sofa, nur mit dem hochgeschm\u00fcckten Haupte gn\u00e4dige Blicke umherwerfend, und zuweilen die H\u00e4nde bewegend.<\/p>\n<p>&quot;Wir sind wahrhaft ungl\u00fccklich&quot;, spricht sie endlich, &quot;da\u00df es uns nicht verg\u00f6nnt ist, die Werke Ihrer Muse kennen zu lernen, und da\u00df ich mich damit begn\u00fcgen mu\u00df, Sie von andern loben zu h\u00f6ren. Ich verstand das Deutsche zwar vor sechs Jahren recht gut, ich las die gotischen Lettern fertig ab, aber ich kenne nun auch nicht einmal einen Buchstaben mehr; doch ich will es lernen! Ich will es lernen!&quot;<\/p>\n<p>Der Improvvisatore versetzt: &quot;Einiges, Madame, kann ich Ihnen wohl von Signor Guglielmo mitteilen!&quot;<\/p>\n<p>&quot;O Luigi&quot;, ruft die Marchesin heftig, &quot;tu\u2019 es doch!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Gewi\u00df, Madame, wird Sie ein Epigramm von Guglielmo interessieren, worin er die Frauen verschiedener Nationen vergleicht: Eine Deutsch, sagt er, f\u00fcr die sentimentale Liebe und f\u00fcr die Kin- [133] derstube; eine Engl\u00e4nderin als Ehefrau wegen der Goldtruhe; eine Franz\u00f6sin geputzt, und &mdash; eine Italienerin unbekleidet!&quot;<\/p>\n<p>&quot;O!&quot; ruft die Marchesin lachend, &quot;das ist allerliebst, das enth\u00e4lt das h\u00f6chste Lob f\u00fcr die Italienerin, aber sagen Sie, wie kamen Sie denn eigentlich auf diesen Gedanken?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Madame, die Italienerin ist von allen Nationen als die sch\u00f6nste und vollkommenste ihres Geschlechts anerkannt, und wenn man bei uns von einer R\u00f6merin spricht, so w\u00fcrde man gar nicht glauben, da\u00df sie h\u00e4\u00dflich sein kann.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Aber warum denn?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Warum, Madame&quot;, fall\u2019 ich schnell ein, indem ich ihr Profil anblicke, und mit dem Finger in der Luft zeichne, &quot;wo auf Erden ist ein so rein und edel gezeichnetes Profil zu treffen, als unter den r\u00f6mischen Antiken und Frauen?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Und wo ist es denn, dieses ger\u00fchmte Profil?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Nirgends hab\u2019 ich es noch in h\u00f6herer Vollendung gesehen, als an diesem gl\u00fccklichen Abend.&quot;<\/p>\n<p>L\u00e4chelnd, und mich z\u00e4rtlich anblickend, versetzt Madame: &quot;Ich hab\u2019 es wohl vielleicht einmal gehabt, aber ich fiel als ein kleines Kind h\u00f6chst ungeschickt, und besch\u00e4digte das Nasenbein.&quot;<\/p>\n<p>Ich versichere, da\u00df in der Nasenlinie auch nicht das Geringste zu bemerken sei, was st\u00f6re, und finde Glauben.<\/p>\n<p>&quot;Aber Signor Guglielmo&quot;, f\u00e4hrt sie wieder fort, &quot;gewi\u00df, Sie sollten mein l\u00e4ndliches Santelpidio sehen! Ich wette, Sie ziehen es Neapel vor! Denn Dichter und tiefe Geister lieben immer die Einsamkeit! Wo finden Sie solche fr\u00f6hliche verschwiegene Haine, solche murmelnde B\u00e4che, so fruchtbare Campagnen, solch einen gl\u00fccklichen Himmel, als am Gestade des Adriatischen Meeres? Wie unaussprechlich lieb\u2019 ich meine Einsamkeit!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Einsam, Madame, sind Sie wohl nie; stets begleiten Sie die Musen und die Grazien, und wo k\u00f6nnen Sie sich ungest\u00f6rter diesem \u00fcbersinnlichen Umgange weihen, als eben in der gedankenvollen Stille ihrer Villa?&quot; (Ich erhalte gn\u00e4dige Blicke in Menge.)<\/p>\n<p>&quot;Allerdings lebe ich der Muse! Welch ein Entz\u00fccken ist es f\u00fcr mich, zu lernen, mich zu bilden, mir Kenntnisse zu sammeln! Und ach! Leider wei\u00df ich so wenig&mdash;&quot;<\/p>\n<p>&quot;Erlauben Sie, da\u00df ich Sie unterbreche, ich halte Sie ab, eine unverzeihliche S\u00fcnde gegen sich selbst zu begehen!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Nicht doch, ich kenne meine Unwissenheit nur zu sehr; ich bin [134] das Opfer einer traurigen Erziehung und der Vorurteile meines Standes, des es f\u00fcr Schande h\u00e4lt, zu lernen und zu studieren! O h\u00e4tte es bei mir gestanden, wie h\u00e4tt\u2019 ich meine Zeit gut angewendet!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Ist nicht das sch\u00f6nste angeborene Talent, die Gabe des Dichtens unvergleichbar mehr, als alles m\u00fchsam gesammelte Wissen?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Ach, ja wohl, eine Dichterin w\u00e4r ich geworden, nicht wahr, Luigi, ich w\u00e4re Improvvisatrice geworden, wenn es mein Stand erlaubt h\u00e4tte?&quot;<\/p>\n<p>C\u2026 bejaht in Hyperbeln. Indem erscheint eine polnische Gr\u00e4fin mit einem jungen Herrn. Ich erhebe mich, und r\u00e4ume der Dame meine Stelle auf dem Sofa ein. Jetzt aber wird franz\u00f6sisch gesprochen. In keinem Punkt ist der Italiener kindischer, als im Plaudern einer Sprache, die er nicht versteht! Kaum wei\u00df er zu sagen: &quot;sans fa\u00e7on &mdash; very well &mdash; Wein ist gut, Wasser nein!&quot; so bringt er\u2019s in jeder Unterhaltung an, und dieses kindische Renommieren, das eben ein Beweis von Ignoranz in soliden Kenntnissen ist, findet man vom Kellner und Platzl\u00fcmmel an bis zum Abate und Canonicus, der auch keinen Abend lang verschweigen kann, da\u00df er auf Deutsch bis Zehen zu z\u00e4hlen, da\u00df er &quot;good night&quot;, oder gar das griechische Vaterunser zu sagen wei\u00df, und ganz intolerabel hochm\u00fctig w\u00fcrde, wenn er so viel Ebr\u00e4isch verst\u00fcnde, als ich. Am meisten Achtung aber hat er vor der franz\u00f6sischen Sprache, und dennoch ist es eine wahre Seltenheit, einen S\u00fcd-Italiener zu treffen, der es auch nur ertr\u00e4glich spricht. Unsere Marchesin nun redet in der Tat erb\u00e4rmlich schlecht, aber dennoch mu\u00df die Unterhaltung franz\u00f6sisch gef\u00fchrt werden, obgleich die beiden Polen eben so viel Italienisch verstehen, das hei\u00dft so viel als nichts.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherwiese nahmen sie bald Abschied, und nun fragt C\u2026, wer der junge Mann gewesen?<\/p>\n<p>&quot;Der Sohn der Gr\u00e4fin!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Ist es m\u00f6glich, ich hielt sie noch f\u00fcr so jung, als ihn selbst!&quot;<\/p>\n<p>&quot;O&quot;, ruft Madame, &quot;das eben nicht! Aber es ist h\u00f6chst unklug von dieser Polin! Eine Frau von guter Sitte und einigem Ehrgeiz geht immer nur mit dem kleinsten ihrer Kinder aus!&quot;<\/p>\n<p>Der Improvvisatore, der mich nun einmal durchaus interessant f\u00fcr die Dame seiner Muse machen will, f\u00e4ngt sofort an, ein anderes Thema aufzubringen, und zwar eines, das die Saiten der Unterhaltung rascher stimmt. &quot;Ich w\u00fcnschte nichts, Madame&quot;, spricht [135] er, &quot;als da\u00df Ihnen Guglielmo die Geschichte eines Liebesverst\u00e4ndnisses erz\u00e4hlte, welches er vor langen Jahren einmal mit einer jungen geistreichen deutschen Dame gehabt! Diese Geschichte ist so reich an wunderbaren und schrecklichen Ereignissen, da\u00df schon die einfachste Erz\u00e4hlung eine Ausgeburt romantischer Phantasie zu sein scheint. Bedenken Sie, Madame, jene Dame verliebte sich in den Dichter, ohne ihn gesehen zu haben, nur durch\u2019s Lesen seiner Poesien, und er sich in sie nur durch\u2019s H\u00f6ren ihrer Stimme.&quot;<\/p>\n<p>&quot;O, dieses seltsame Ph\u00e4nomen der Liebe kenn\u2019 ich wohl&quot;, versetzte die Marchesin. &quot;Ich f\u00fcr meine Person mu\u00df zwar gestehen, da\u00df ich mich in niemand verlieben konnte, ohne ihn gesehen zu haben, aber, denken Sie, vor wenigen Wochen schreibt mir ein Kavalier von Bologna, da\u00df er mich liebe, da\u00df er mich z\u00e4rtlich liebe, und dennoch haben wir uns nie gesehen!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Wie gl\u00fccklich&quot;, sage ich, &quot;dieser f\u00fchlende Bologneser, der sein Ideal \u00fcbertroffen sieht, wenn er Madame erblickt, w\u00e4hrend das poetisch imagin\u00e4re Bild, das etwa ein Frauenzimmer von mir fassen k\u00f6nnte, nur zu sehr zu meinem Nachteil in die Prosa herabgestimmt w\u00fcrde, wenn es mich in Person erblickte, und mein unklassisches Profil s\u00e4he, das eine r\u00f6mische Freundin gerne verspottet, indem sie die Nase mit einem rampino, und die hohe Stirne mit der capitolinischen Treppe, Scala di Marforio und Magnanapoli vergleicht.&quot;<\/p>\n<p>Man lacht und findet mich witzig. Jetzt f\u00e4hrt der Improvvisatore fort: &quot;Wenn Ihnen, Madame, schon der Anfang dieses Liebesverh\u00e4ltnisses h\u00f6chst phantastisch und romanhaft erscheint, so werden Sie erstaunen, wenn Sie weiter h\u00f6ren. Diese beiden jungen Liebenden lebten drei Vierteljahre in Einer Stadt, fast in einem Zimmer zusammen, und dennoch schrieben sie sich \u00fcber sechshundert Briefe. Tage- und N\u00e4chtelang brachten sie, Herz an Herz, in einem geschlossenen Gemache zu, und dennoch ber\u00fchrten sie sich nicht.&quot;<\/p>\n<p>Ich wurde schamrot, und zwar um so mehr, als die Marchesin sich lebhaft an mich wendet, und eine ungl\u00e4ubige Miene macht. &quot;Ist es m\u00f6glich&quot;, ruft sie lachend, &quot;tutta la notte!&quot; und C\u2026 fiel ein: &quot;Und dennoch wurde dieses non plus ultra von platonischer Liebe, das unserm Guglielmo den feurigsten Schwung gab, in seinem Vaterlande von Freunden und Bekannten, Professoren und Geistlichen, Ephorat und Consistorium f\u00fcr einen Ausbund von [136] sinnlich verbrecherischem Umgang gehalten, und der Charakter unsers guten Dichters fast von allen rechtgl\u00e4ubigen Christen f\u00fcr ein monstruoses moralisches Unding ausgeschrieen. M\u00fctter beschworen ihre S\u00f6hne, Lehrer ihre Z\u00f6glinge, den Jungendverf\u00fchrer wie den Antichrist zu fliehen, seine Freunde wurden seine Feinde, seine G\u00f6nner ha\u00dften ihn, die Pfarrherren warnten ihre T\u00f6chter vor ihm&mdash;&quot;<\/p>\n<p>&quot;Und das alles&quot;, f\u00e4llt die Marchesin ein, &quot;wegen dieser platonischen Liebe?&quot;<\/p>\n<p>&quot;O, noch mehr&quot;, erwidert C\u2026, &quot;denn nun erst begann die Geschichte einer Kette von schauderhaften Begebenheiten, von Mord, Brand, Gef\u00e4ngnis, Proze\u00df und Verleumdungen, die das Unglaubliche \u00fcbersteigen.&quot;<\/p>\n<p>Jetzt will die Marchesin die Geschichte h\u00f6ren, und ich antworte: &quot;Ein andernmal, Madame, will ich Ihnen gern meine Leiden erz\u00e4hlen, so ungern ich es tue!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Und warum ungern?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Weil es mich an die Periode meines Lebens, an die Verh\u00e4ltnisse, an die Menschen erinnert, die ich am liebsten vergessen m\u00f6chte, und die mir auch jetzt schon wie Hirngespinste vorkommen, die ich im Taumel eines w\u00fcsten Rausches oder eines Fiebertraumes gesehen.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Aber wenn Sie wieder in Ihr Vaterland zur\u00fcckkehren?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Das liegt noch ferne, und ist ungewi\u00df! Ich hasse mein Vaterland nicht, aber es w\u00e4re mir, wenn ich dahin zur\u00fcckkehrte, wie einem Wanderer, der die Klippe wieder vorbeif\u00e4hrt, wo er Schiffbruch gelitten, oder der in dasselbe Haus zur\u00fcckkehren m\u00fc\u00dfte, wo er mi\u00dfhandelt, belogen, betrogen, gelangweilt worden, und fast die Gesundheit des Leibes und der Seele verloren. Das vermeidet er gewi\u00df immer, und so will ich denn, wenn ich einst einmal wieder \u00fcber die Alpen gehe, dem Ha\u00df und Ekel der Heimat ausweichen, und mein Heil weiter gegen Norden versuchen.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Und wohin w\u00fcrden Sie denn gehen?&quot;<\/p>\n<p>&quot;Madame, der gute Gott wei\u00df es! Am meisten w\u00fcnsche ich mir, Berlin zum Aufenthalt zu bekommen.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Aber dort spricht man ja nicht Deutsch!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Preu\u00dfisch, Madame, redet man in Berlin!&quot;<\/p>\n<p>&quot;Da\u00df hab\u2019 ich mir doch gleich gedacht, Luigi&quot;, versetzte die Marchesin, sich zum Improvvisatore mit \u00e4u\u00dferster Selbstgef\u00e4lligkeit [137] wendend. &quot;Diese Sprache will ich lernen! Ich fasse schnell und leicht!&quot;<\/p>\n<p>Indem kommt der Kammerdiener und bringt f\u00fcnf Briefe an Ihre Exzellenz, die Marchesa G\u2026 B\u2026 E\u2026 (Goldoni.) Sie erhebt sich mit rauschendem Gewand, zuvor noch ruft sie: &quot;Pacifica! Pacifica! (Die Camariera erscheint.) Ein Halstuch!&quot;<\/p>\n<p>Es wird ihr um den hohen r\u00f6mischen Nacken gelegt, und nun betrachtet sie die \u00dcberschriften: &quot;Ach, das ist vom Grafen Errighi in Spoleto &mdash; das ist vom Cavalier Bandini in Rimini &mdash; das, mein\u2019 ich, w\u00e4re die Hand des Herzogs von\u2026&quot; Sie erbricht den Brief, liest einige Zeilen, wirft ihn auf den Tisch, setzt sich wieder auf das Sofa und sagt: &quot;Morgen mu\u00df ich zum Kardinal Cacciapiatti gehen.&quot;<\/p>\n<p>Man spricht noch von diesem und jenem, von meinem Almanach \u00fcber Italien, von Rosa Taddei, von Sgricci, von verschiedenen italienischen Autoren, vom Improvisieren, bis der Kammerdiener auftritt und verk\u00fcndet, da\u00df der Wagen bereit stehe. <\/p>\n<p>Wir Beiden erheben uns, und die Marchesin sagt: &quot;Wir gehen zusammen die Treppen hinab.&quot; Der Cavaliere servente erscheint, der Herr Gemahl gleichfalls, er macht mir einige B\u00fccklinge, sagt, da\u00df er mich schon im Sankt Peter gesehen, und entfernt sich. Die Marchesin hebt an, mir eine Verbeugung zu machen, und sich also zu \u00e4u\u00dfern: &quot;Signor Guglielmo! Mir war es ein inniges Vergn\u00fcgen, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, ich &mdash;&quot; Freund, ich err\u00f6te \u00fcber die k\u00f6stlichen Dinge, die sie mir sagte, und Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, da\u00df ich meinerseits dreimal st\u00e4rker lud, die Einladung, jeden Abend zu erscheinen, mit begeistertem Dank annahm, aber das wissen Sie nicht, da\u00df ich ihr, dem Cavaliere servente zum Trotz, den Arm reichte, sie die Treppen hinabf\u00fchrte, ihr vor dem Wagen die Hand k\u00fc\u00dfte, forteilte, und zu meinem Freund, dem Improvvisatore sagte: &quot;Das ist doch die gr\u00f6\u00dfte N\u00e4rrin, die ich je auf Erden gesehen.&quot;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Notes:<\/strong><\/p>\n<div id=\"aei-blocktext\">\n<p>No. 1 of &quot;Skizzen aus Italien&quot;<\/p>\n<\/p><\/div>\n<dl id=\"aei-dl-meta-unimportant\">\n<dt>Collected by:<\/dt>\n<dd> AE<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A humorous fictional tale narrated by a German gentleman (Guglielmo), intended as proof that the works of Italian playwright Goldoni are not in fact exaggerated caricatures of Italian life. Guglielmo describes  how his friend, an improvisatore, introduces him to an Italian marchesa who is as mellifluously beautiful as she is dull-witted and narcissistic. The two friends conclude that she is a fool.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27,134],"tags":[73,68],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562"}],"collection":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=562"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2336,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562\/revisions\/2336"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}