{"id":662,"date":"2016-05-13T22:37:03","date_gmt":"2016-05-14T02:37:03","guid":{"rendered":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=662"},"modified":"2016-08-24T11:23:22","modified_gmt":"2016-08-24T15:23:22","slug":"suid201","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/?p=662","title":{"rendered":"Jean Paul, <i>Flegeljahre<\/i>"},"content":{"rendered":"<div id=\"aei-root\" lang=\"en-GB\"><!-- suid=201 --><\/p>\n<dl id=\"aei-dl-meta\">\n<dt>Performer Name:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Performance Venue:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Performance Date:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">&nbsp;<\/dd>\n<dt>Author:<\/dt>\n<dd> Jean Paul [Richter, Johann Paul Friedrich]<\/dd>\n<dt>Date Written:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Language:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\"> German<\/dd>\n<dt>Publication Title:<\/dt>\n<dd> Flegeljahre<\/dd>\n<dt>Article Title:<\/dt>\n<dd>&nbsp;<\/dd>\n<dt>Page Numbers:<\/dt>\n<dd>2:888-891<\/dd>\n<dt>Additional Info:<\/dt>\n<dd class=\"aei-half-line-below\">Qtd from <i>Werke<\/i>,  ed. Gustav Lohmann<\/dd>\n<dt>Publisher:<\/dt>\n<dd>Carl Hanser<\/dd>\n<dt>Place of Publication:<\/dt>\n<dd>Munich<\/dd>\n<dt>Date Published:<\/dt>\n<dd> 1959<\/dd>\n<\/dl>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Text:<\/strong><\/p>\n<blockquote id=\"aei-blockquote\"  lang=\"de\">\n<p>[888] Er setzte sich mit weit mehr Welt und Leichtigkeit an das E\u00dft\u00e4felchen, als er selber gedacht hatte. Der General, der ein unaufh\u00f6rliches Sprechen und Unterhalten begehrte, sann Walten an, etwas zu erz\u00e4hlen, etwas Aufgewecktes. Mit etwas R\u00fchrendem w\u00e4r\u2019 er leichter bei der Hand gewesen; so aber sagt\u2019 er: er wolle nachsinnen. Es fiel ihm nichts bei. Schwerer ist wohl nichts als das Improvisieren der Erinnerung. Viel leichter improvisiert der Scharf- und Tiefsinn, die Phantasie als die Erinnerung, zumal wenn auf allen Gehirn-H\u00fcgeln die freudigsten Feuer brennen. Dreitausend fatale Bonmots hatte der Notar allemal schon gelesen gehabt, sobald er sie von einem anderen erz\u00e4hlen h\u00f6rte; aber er selber kam nie zuerst darauf, und er sch\u00e4mte sich nachher vor dem Korreferenten. Sehr h\u00e4tt\u2019 er das Sch\u00e4men nicht n\u00f6tig, da solche Referendarien des fremden Witzes und solche Postschiffe der Gesellschaft meist platte Gehirne tragen, auf deren Tenne nie die Blumen wachsen, die sie da aufspeichern und auftrocknen. <\/p>\n<p>&quot;Ich sinne noch nach&quot;, versetzte Walt, ge\u00e4ngstigt, einem Blicke Zablockis, und flehte Gott um einigen Spa\u00df an; denn noch sah er, da\u00df er eigentlich nur \u00fcber das Sinnen sinne und dessen Wichtigkeit. Die Tochter reichte dem Vater die Flasche, die nur er &mdash; seine Briefe aber sie &mdash; aufsiegelte. &quot;Trinken Sie dies Gew\u00e4chs f\u00fcr 48er oder 83er?&quot; sagte der General, als man Walten das Glas bot. Er trank mit der Seele auf der Zunge und suchte forschend an die Decke zu blicken. &quot;Er mag wohl&quot;, versetzt\u2019 er, &quot;um die H\u00e4lfte \u00e4lter sein als mein voriger Wein, den ich eher f\u00fcr jungen 48er halte; &mdash; ja (setzt\u2019 er fest darzu und blickte ins Glas), er ist gewi\u00df herrliche 83 Jahre alt.&quot; Zablocki l\u00e4chelte, weil er eine Anekdote, statt zu h\u00f6ren, erlebte, die er sch\u00f6n weiter geben konnte.<\/p>\n<p>Der General wollt\u2019 ihn aus dem stillen innerlichen Schnappen nach Bonmots herausfragen durch die Rede: wie er nach Rosenhof komme? Walt wu\u00dfte keine rechte ostensible Ursachen &mdash; wiewohl diese ihm gegen\u00fcber sa\u00df im wei\u00dfen Hute &mdash; anzugeben, aus- [889] genommen Natur und Reiselust. Da aber diese keine Gesch\u00e4fte waren: so begriff ihn Zablocki nicht, sondern glaubte, er halte hinter irgendeinem Berge, und wollte durchaus hinter ihn kommen. Walt sch\u00fcttelte von seinem poetischen Schwingen die k\u00f6stlichen Berge und T\u00e4ler und B\u00e4ume auf das Tischtuch, die er auf dem seligen Wege mehr aufgeladen als durchflogen hatte. Zablocki sagte nach Walts langer Ausspende von Bildern: &quot;Beim Teufel! nimm, oder ich fre\u00df nicht!&quot; Wina &mdash; denn diese hatt\u2019 er in jenem Liebes-Zorn angeredet, den weniger die V\u00e4ter gegen ihre T\u00f6chter als die M\u00e4nner gegen ihre Weiber haben &mdash; nahm erschrokken ein gro\u00dfes St\u00fcck vom Schnepfen, dem Scho\u00dfkinde des v\u00e4terlichen Gaumens, und reichte, h\u00f6flicher als Zablocki, den Teller dem betretenen Notar hin\u00fcber, um ein paar hundert Verlegenheiten zu ersparen. Walt konnte auf keine Weise fassen, wie bei so m\u00fcndlicher lebendiger Darstellung der lebendigen, beinahe m\u00fcbdlichen Natur, als seine war, eine Schnepfe mit allem seinem Album graecum noch einige Sensation zu machen imstande sei. Poetische Naturen wie Walt sind in Nordl\u00e4ndern &mdash; denn ein Hof oder die gro\u00dfe Welt ist der geborne Norden des Geistes, sowie der geborne Gleicher des K\u00f6rpers &mdash; nichts weiter als Elefantenz\u00e4hne in Siberien, die unbegreiflich an einem Orte abgeworfen worden, wo der Elefant erfriert.<\/p>\n<p>Mit einschmeichelnder Stimme fragt\u2019 ihn wieder Zablocki, ob ihm noch nichts eingefallen; und Wina sah ihn unter dem Abendrote des rottaftenen Hutfutters so lieblich augen-nickend und bittend an, da\u00df er sehr gelitten h\u00e4tte, wenn ihm nicht die drei Bonmots, auf die er sich gew\u00f6hnlich besann, endlich zugekommen w\u00e4ren, und da\u00df er wieder nahe daran war, ein gelieferter Mann zu werden und alles zu vergessen, weil das kindlich bitthafte Auge zu viel Platz &mdash; n\u00e4mlich allen &mdash; in seiner Phantasie, Memorie und Seele wegnahm. <\/p>\n<p>&quot;Ein hath\u00f6riger Minister&quot;, fing er en, &quot;h\u00f6rte an einer f\u00fcrstlichen Tafel&quot; \u2026. &quot;Wie hei\u00dft er und wo?&quot; fragte Zablocki. Das wu\u00dft\u2019 er nicht. Allein da der Notar den wenigen Historien, die ihm zufielen, keinen Boden, Geburtstag oder Geburtsschein zuzuwenden wu\u00dfte &#038;vorfabeln wollt\u2019 er nie &mdash;: so braucht es Sozie- [889] t\u00e4ten nicht erst bewiesen zu werden, wie farbenlos er als Historienmaler auftrat, und wie sehr eigentlich als ein luftiger historischer Improvisatore. &quot;Ein harth\u00f6riger Minister h\u00f6rte an einer f\u00fcrstlichen Tafel die F\u00fcrstin eine komische Anekdote erz\u00e4hlen und lacht dar\u00fcber mit dem ganzen Zirkel unbeschreiblich mit, ob er gleich kein Wort davon vernommen. Jetzt versprach er, eine ebenso komische zu erz\u00e4hlen. Da trug er, zum allgemeinen Erstaunen, die eben erz\u00e4hlte, die eben erz\u00e4hlte wieder als eine neue vor.&quot;<\/p>\n<p>Der General glaubte, so schnapp\u2019 es nicht ab; da er aber h\u00f6rte, es sei aus, so sagt\u2019 er sp\u00e4t: &quot;Delizi\u00f6s!&quot;, lachte indes erst zwei Minuten sp\u00e4ter hell auf, weil er gerade soviel brauchte, um sich heimlich die Anekdote noch einmal, aber ausf\u00fchrlicher vorzutragen. Der Mensch will nicht, da\u00df man ihm die spitze, blanke Pointe zu hitzig auf der Schwelle auf das Zwerchfell setze. Eine gemeine Anekdote ergreift ihn mit ihrem Ausgang froh, sobald er nur vorher durch viel Langeweile dahin getrieben wurde. Geschichten wollen L\u00e4nge, Meinungen K\u00fcrze. Walt trieb die zweite anonyme Geschichte von einem Holl\u00e4nder auf und vor, welcher gern ein Landhaus, wegen der herrlichen Aussicht auf die See, besessen h\u00e4tte, wie alle Welt um ihn, allein nicht das Geld dazu hatte. Der Mann aber liebte Aussichten derma\u00dfen, da\u00df er alle Schwierigkeiten dadurch zu besiegen suchte, da\u00df er sich auf einem H\u00fcgel, den er gegen die See hatte, eine kurze Wandmauer und darin ein Fenster brechen lie\u00df, in welches er sich nur zu legen brauchte, um die offne See zu genie\u00dfen und vor sich zu haben, so gut als irgendein Nachbar in seinem Gartenhaus. <\/p>\n<p>Sogar Wina l\u00e4chelte gl\u00e4nzend under dem roten Taft-Schatten hervor. Mit noch mehr Anmut als bisher teilte Walt die dritte Anekdote mit. <\/p>\n<p>Ein Fr\u00fchprediger, dessen Kehlkopf nehr zur Kanzel-Prosa als zur Altar-Poesie gestimmt war, r\u00fcckte zu einer Stelle hinauf, die ihn zwang, vor dem Altare das &quot;Gott in der H\u00f6he sie Ehr\u2019&quot; zu singen. Er nahm viele Singstunden; endlich nach vierzehn Singtagen schmeichelte er sich, den Vers in der Gewalt und Kehle zu haben. Die halbe Stadt ging fr\u00fcher in die Kirche, um der Anstrengung zuzuh\u00f6ren. Ganz mutig trat er aus der Sakristei (denn [891] er hatte sich darin vom Singmeister noch einmal leise \u00fcberh\u00f6ren lassen) und stieg gefa\u00dft auf den Altar. Alle Erz\u00e4hler der Anekdote stimmen \u00fcberein, da\u00df er trefflich angehoben und sich anst\u00e4ndig genug in den Choral hineingesungen hatte: als zu seinem Ruin ein blasender Postillion drau\u00dfen vor der Kirche vorbeiritt und mit dem Posthorn ins Kirchenlied einfiel; &mdash; das Horn hob den Prediger aus dem alten Sing-Geleise in ein neues hinein, und er sah sich gezwungen, das ernste Lied mitten vor dem Altare nach dem vorbeiretenden Trompetenst\u00fcckchen auf die lustigste Weise hinauszusingen. <\/p>\n<p>Der General lobte sehr den Notar und ging heiter aus dem Zimmer; aber er kam nicht wieder.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"aei-one-line-down\"><strong>Notes:<\/strong><\/p>\n<div id=\"aei-blocktext\">\n<p><i>Flegeljahre<\/i> originally published 1805<\/p>\n<\/p><\/div>\n<dl id=\"aei-dl-meta-unimportant\">\n<dt>Collected by:<\/dt>\n<dd> AE<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The comedic novel&#8217;s protagonist, Walt, a rather dull notary, finds himself at table with the General Zablocki and his daughter Wina, with whom Walt is deeply in love. The General asks Walt to tell him something interesting, and Walt is forced to awkwardly improvise until he remembers a few common anecdotes.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27,134],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/662"}],"collection":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=662"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/662\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2357,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/662\/revisions\/2357"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=662"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=662"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/romanticimprov.utoronto.ca\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=662"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}