“Korrespondenz-Nachrichten. Rom, December 1820”

The correspondent reports on an improvised tragedy performed in Rome and speculates ironically that literary production could soon be brought about by steam-driven machines.

Performer Name:
 
Performance Venue:
Rome
Performance Date:
1818
Author:
 
Date Written:
1820
Language:
German
Publication Title:
Morgenblatt für gebildete Stände
Article Title:
Korrespondenz-Nachrichten. Rom, December 1820
Page Numbers:
20
Additional Info:
5 January 1821 issue (No. 5)
Publisher:
J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Place of Publication:
Stuttgart
Date Published:
1821

Text:

In den vergangenen Tagen gab im Theater della valle ein Improvisatore Proben seiner Geschicklichkeit. Nicht bewenden ließ er es dabey, einen vorgelegten Gegenstand auf der Stelle in Stanzen und Reime, deren Bau und Abwechselung ebenfalls vorgeschrieben war, zu bringen, oder den Stoff seines Gesanges aus einem einzigen gegebene Worte zu ziehen, nein, er gieng noch weiter: er ließ ihn auch mit Melpomenes Kothurne auftreten. Mehr nicht als zwanzig Sekunden Zeit, die Uhr in der Hand, brauchte er, um den Plan des Trauerspieles zu entwerfen, die Vertheilung der Aufzüge und Auftritte zu machen, und sogleich darauf die redenden Personen durch seinen Mund sprechen zu lassen; ja, er vertrat auch selbst die Stelle des Chors dabey. — Diese Art poetischer Seiltänzer ist jezt sehr zahlreich geworden. Wenn man bedenkt, daß die Schiller und Alfieri, nach ihrer eingenen Aussage, Jahrelang arbeiteten, ehe sie die Werke ihrer tragischen Muse ans Licht treten zu lassen wagten, und daß diesen Künstlern ihre Eingebungen von der Lippe fließen, während ein Anderer kaum Zeit haben würde, sie niederzuschreiben, wenn man das, sage ich, bedenkt, was sind dann doch jene gegen diese? Ja, heißt es, das scheint so, aber man darf es auch bey diesen nicht so genau nehmen: vor dem ruhigen, scharf untersuchenden Blicke des Lesers würde ihre Arbeit in das nichts sinken; man muß nur die Kunst bewundern, mit welcher sie das Ohr täuschen, daß es — nur heraus! —, daß es glaubt, etwas zu hören, worinnen Sinn und Verstand sey. Also wäre seiner darinnen? Wie? Ein ganzes Haus guter Köpfe möchte sich an Albernheiten belustigen? O, nimmermehr wird man mich dessen überreden! Nein, nein, die Kunst hat eine solche Höhe erreicht, daß es gar keine Kunst mehr ist, Schöpfungen der Einbildungskraft hervorzubringen. O, aufgeklärtes Jahrhundert! wohin werden wir noch gelangen! Meine Ahnungen sagen mir, daß uns das Denken am Ende ganz wird erspart werden. Wer weiß, ob nicht gar die Dampfmaschinen dazu anwendbar seyn dürften, sie, die schon jezt in England das Bier, ohne menschliche Beyhülfe, von der Malzdürre an bis fertig zum Einschenken ins Glas bereiten. Und warum nicht? Man geben ihnen die Worte: “Perfektibilität, Surrogat, Absolut, Positiv, Negativ, ernster Schauder*, lebendiges leben, Miasma der Zeit, u. s. w.” zu verarbeiten, so werden sie, wie sie das auch durch einander werfen mögen, sicher ein politisch-metaphysisches Werk liefern, das den besten der neuern Schriften nicht nachstehen wird. — Ich erinnere mich manches Schriftstellers, der als ein grosser Mann, ja als ein Philosoph bewundert ward, und dennoch waren seine Schriften Niemanden klar, ja ihm selbst nicht, und wurden doch allgemein bewundert. Wie würden diese Männer, wenn sie jezt noch schrieben, vor der Riesengröße der heutigen Philosophie, als Zwerge dastehen! Ja, wahrlich! während Andere wehmüthig vom Abendgefühl der Welt gerührt sind, erheitert mich das Morgengefühl des wiederkehrenden goldnen Alters.

* Ob mir schon kein spashafter Schauder bekannt ist, so macht die Antithese ihn doch nothwendig, so wie es, zufolge des lebendigen Lebens, auch einen todten Tod geben muß.

Notes:

Collected by:
EW